Schätzungsweise 35.000 Besucher kamen zum Festival am Rande Lüneburgs. (Foto: Archiv)

Zwei Tage zum Abheben

Lüneburg. Zuerst kamen 58 Sattelschlepper, 40 Kilometer Kabel, 200 Lautsprecher für den Wumms und 400 Toiletten. Dann kam Harald. Er zuckelte mit einem Knubbel-Deutz zum Lüneburger Flugplatz, 15 PS, 6 km/h, Anhänger, Schäferhund Bobby, sechs Tage unterwegs von Diepholz. Harald war der erste von mehreren Zehntausend, die vor 25 Jahren zum zweiten „Rock over Germany“-Festival pilgerten. Von dem Festival blieb vor allem ein Satz, heute noch auf YouTube zu verfolgen: „Welcome to Paradise“, sagte Elton John zu den Fans, die im Regen standen, und weiter: Er spiele nie wieder auf „fuckin’ festivals like this“. Was störte den Meister?

Elton John war offenbar eine Kamera des NDR zu nah

Elton John startete mit „The Bitch Is Back“. Immer wieder drehte er sich zu Technikern, zeterte, war stinkwütend. Offenbar kam ihm eine Kamera des NDR zu nah, zeigte seinen Teleprompter, von dem er seine Texte ablas. Der fiel dann anscheinend auch noch aus. Aber er kannte seine Texte ja. Und während hinter der Bühne ein silberner Mercedes 600 S für den Meister wartete, kleinere Benze für seine Musiker, spielte er sich schon mit „I Guess What They Call It The Blues“ in Fahrt – und stand bzw. saß am Ende 20 Minuten länger auf der Bühne als auf dem Timetable stand.

400

Toiletten wurden aufgebaut.

200

Lautsprecher wurden installiert.

50

Sattelschlepper schafften das Material heran.

40

Kilometer Kabel wurden verlegt.

Nie zuvor spielten in Deutschland so viele Weltstars auf einem Festival wie bei den beiden Ausgaben von „Rock over Germany“. Es waren Festivals auf Tour: 1993 traten 17 Bands mit Prince und Tina Turner an der Spitze an einem Wochenende in München auf und auf dem mittlerweile für Wohnen und Gewerbe umgewidmeten Flugplatz in Wildenrath. Am Wochenende drauf folgten Mainz und Lüneburg. 80 000 Besucher, laut „Focus“ 100 000 zählten die Organisatoren auf dem Flugplatz 1993. Zwei Jahre später hatten die Veranstalter („Mama Concerts und Rau“) lange Gesichter.

Der Vorverkauf für die zwei mit Stars gespickten Tage lief schleppender, am Ende waren es wohl 35 000 Besucher; „Die Welt“ pimpte die Zahl aber auf 60 000. Die Bühne war kleiner, es gab keine Videowände, auf aufwendige Shows wie noch 1993 bei Prince und Tina Turner wurde verzichtet. Alles war kleiner, purer, aber immer noch riesig. Regen gab’s am ersten Tag gratis dazu, bei 10 bis 16 Grad. Auch die Sonne sparte mit ihrem Schein.

Wer zuerst spielt, hat es immer am schwersten

Die Besucher störte das nicht. Zu den ersten, die auf der Bühne standen, zählte Profi-Musik-Chef Jürgen Thiele. Er mixte den Sound für Inga Rumpf und die NDR Big Band. Sie eröffneten das Sonnabend um 12 Uhr startende Festival. „Es waren wilde, gute Zeiten“, erinnert sich Thiele. Wer zuerst spielt, hat es immer am schwersten, und das Jimi-Hendrix-Programm war das wahrscheinlich anspruchsvollste des ganzen Festivals. 25 Jahre zuvor hatte Jimi Hendrix auf Fehmarn sein letztes Konzert gegeben, es war ein „In memoriam“-Auftritt.

 

Elton John wollte nie wieder auf „fucking festivals“ wie diesem spielen und machte es dann doch. (Fotos: Archiv)

 

Es folgten am Sonnabend, während Borussia Dortmund gerade Deutscher Meister wird, die schnell vergessenen Newcomer von Suborange Frequency, Six Was Nine Degen mit Sänger Achim Degen, erfolgreich dank ihres soulvollen Hits „Drop Dead Beautiful“. Wolfgang Niedecken sang im Rahmen seiner „Leopardefell“-Tour verkölschte Dylan-Songs, zum Glück auch seinen BAP-Klassiker „Verdamp lang her“. Die norddeutschen Spaßrocker von Illegal 2001 waren da, und es gab Kontraste: Status Quo strotzte auch nach 30 Jahren Bandbestehen – „Rockin’ All Over The World“ – vor Spielfreude, die sich auf YouTube noch nachverfolgen lässt. Ganz anders, schlicht bocklos, Eros Ramazzotti. „Auf Wiedersehen, Rotterdam“, sagte er zum Abschied. Schließlich Elton John – siehe oben.

Sonntag begann es auf dem Flugplatz schon um 10 Uhr. Das Line-up verhieß Tony Joe White, der vor noch sehr überschaubarer Kulisse auftrat. Weiter Doc Lawrence, das Energiebündel Jule Neigel mit Band, Extreme und Dream Theatre ließen es krachen, bei Sheryl Crow ließ sich die Sonne blicken. Francis Rossi von Status Quo kam auch nochmal vorbei, nun als Zuhörer. Denn drei ganz fette Brocken folgten. Die Led-Zeppelin-Granden Page & Plant spielten mit nordafrikanischen Musikern (auf YouTube zu sehen) höllelaut eine Art Ethno-Hardrock. Dann kratzte Joe Cocker bei „With A Little Help From My Friends“ seinen Woodstock-Schrei zusammen. Er musste nach dem Konzert noch in ein VIP-Zelt von Beck’s Bier, die zu der Zeit mit „Sail Away“ warben – Cocker wird gut dran verdient haben. Er wollte aber schnell weg, denn nach ihm kam ja noch einer, und das passte ihm nicht so recht.

50 Meter vom Container bis zur Bühne

Hinter der Bühne hatten die Stars Warteräume in Containern. Zur Bühne waren es gut 50 Meter. Wer hinter die Bühne durfte, stand Spalier. Als um 22.20 Uhr zum Finale Rod Stewarts Bühnentechniker die Treppe raufgingen, seine Musiker und dann er selbst, folgte noch einer. Er trug ein Bügelbrett – wenigstens das Sakko musste knitterfrei bleiben. Von „Hot Legs“ bis zum gemeinsam gesungenen „Sailing“ stimmt Rod Stewart zum Finale Hit um Hit an. Und das war’s dann mit großem Rock’n’Roll in Lüneburg. In diesem Jahr fällt sogar „Rock over Radbruch“ aus.

Galerie

Eros Ramazotti verabschiedete sich mit "Auf Wiedersehen, Rotterdam."
Ein echter Rockstar: Rod Stewart sang zum Finale des Festivals Hit um Hit.
Joe Cocker hätte gern den Headliner gegeben, aber nach seinem Auftritt war noch nicht Schluss.
Trotz schlechten Wetters rissen die Lüneburger für so manchen Star ihre Hände nach oben.
Regencapes in allen Formen und Farben.

 

Von Hans-Martin Koch