Samstag , 19. September 2020
Jörg Immendorf und eines seiner Gemälde aus den 60er Jahre, das wohl seine Heimatstadt - Bleckede - zeigt. (Foto: Kunstarchiv der Sparkassenstiftung)

Schöne schwere Zeiten

Bleckede. Was wurde ihm nicht alles in die Biographie gedichtet, dem Jörg Immendorff, der 2007 starb, der am Sonntag, 14. Juni, 75 Jahre alt geworden wäre. Er war „ein exaltierter Bohemien zwischen Genialität, Triebhaftigkeit und tragischem Ende“ (Focus), ein „politisch handelnder Prophet“ (Kunsthalle Schirn), ein „Arrangeur, Kommentator und Visionär“ und ein „Macho in Lederjacke“ (Deutschlandfunk). Und dann war Immendorff noch ein Junge aus Bleckede. Die kleine Stadt an der Elbe ließ ihn, der zu einem der prominentesten Künstler der Nachkriegszeit aufstieg, lebenslang nicht los. Eine kleine Spurensuche zeigt das.

Seine Kindheit in Bleckede hat Immendorff als seine glücklichste Zeit beschrieben. Aber Jörg Immendorff war ein kränkelnder Junge, mit elf wird er 1956 zur Stärkung in ein Heim im Schwarzwald verschickt. Als er zurückkommt, stehen nicht Vater und Mutter am Bahnhof, sondern Bekannte. Mutter Irene liegt im Krankenhaus. Der als empathielos erlebte Vater, Offizier in Reichs- und Bundeswehr, hat die Familie verlassen. Es kommt zur Scheidung, für den Jungen ein traumatisches Erlebnis. Er hängt an seiner Mutter – und sie an ihm.

Briefe und Karten an die Mutter

Jörg Immendorff muss auf ein Internat bei Bonn. Das Geld ist knapp, Immendorff ist das arme Kind unter reichen. Er schreibt seiner Mutter – zeitlebens – „Liebe Mutti“-Briefe und Postkarten, aus denen neben Liebe auch Dankbarkeit, Einsamkeits- und Schuldgefühle sprechen. Sie schickt ihm, so wie sie kann, kleine Summen: fünf, zehn, fünfzehn Mark. Er verspricht, alles gut zu machen, kündigt gar an, zur Bundeswehr zu gehen und schreibt in einem (nicht datierten) Brief weiter: „Und wenn Du meinen Vater noch einmal siehst, dann sage ihm, er wird mich nie in Uniform zu sehen bekommen!!“

Der Brief gehört zu einem Konvolut, das 2017 an die Sparkassenstiftung Lüneburg ging: Briefe und Fotos vor allem, aber auch zwei kleine Bilder, einmal eher kindliche Segelboote, einmal wesentlich freier eine Stadtansicht, die er signierte, es könnte 1963 gewesen sein oder 1968 – es ist nicht eindeutig zu entziffern.

1963 jedenfalls verlässt der unangepasste Jörg Immendorff das Internat, er wird an der Kunstakademie Düsseldorf angenommen. In einem ebenfalls undatierten, in die Studienzeit passenden Brief dankt er wieder für zehn Mark, aber er verdiene ja jetzt etwas: Zweimal die Woche stehe er Modell in der Werkkunstschule Krefeld für sieben Mark die Stunde, an den anderen Tagen „mache ich als Säule Reklame für einen Nachtclub“ – vier Mark die Stunde.

So wie sich die Schrift mit der Zeit in Schwung und Größe befreit, so steigt das Selbstbewusstsein. Er schreibt an seine Mutter: „Ich weiß sehr genau, dass ich eines Tages etwas den Leuten zu sagen und zu zeigen haben werde, und ich schreibe dies nicht aus Großspurerei, sondern aus Gewissheit und tiefster Überzeugung.“

So kommt es. In die Zeit von Immendorffs berühmtestem Bild-Zyklus „Café Deutschland“, begonnen 1977, fällt ein Projekt, bei dem sich sein Heimatstädtchen Bleckede nicht mit Ruhm bekleckert.

Deutsche Teilung als Weltproblem

Immendorff sah „die deutsche Teilung immer als Weltproblem“, erklärt er in einem Interview zum „Café Deutschland“. Zum 30. Jahrestag der deutschen Teilung malt er ein Doppelbild: „Projekt Teilbau Bleckede“. Eine Seite des Bildes mahnt nach Osten Freiheit an – mit Hammer und Zirkel als Garotte, daneben eine Stasi-Agenten-Gestalt. Die nach Westen zeigende Seite zeigt unter anderem einen zerzausten Bundesadler. „Der Besucher und Betrachter soll zum verstärkten Nachdenken angeregt werden – nicht laute Propaganda, sondern intensives Nachdenken bezweckt meine Arbeit“, schreibt Immendorff im Vorwege 1978 an seinen örtlichen Unterstützer Ernst Tipke.

Am 11. Oktober 1979 wird das Gemälde (3,10 x 2,20 Meter) auf einem ehemaligen Kransockel im Hafen platziert: Das Statement der Bleckede-Spitze um Stadtdirektor Walter Neumann: „Wir hoffen, dass nichts dran ist, was provozieren könnte, zum Inhalt wollen wir nicht Stellung nehmen.“ Zustimmung und Mut hören sich anders an.

Das Bild hält nicht lange: Messer schlitzen die Leinwand auf, Wind und Wetter sorgen für Schäden. Der Maler kommt schließlich und rollt die von den Bleckedern nicht geliebte Kunst ein. Auf Initiative von Ernst Tipke und anderen wird 30 Jahre später und zwei Jahre nach Immendorffs Tod eine Kopie errichtet. Sie bleibt auch nicht lang…

Was in Sachen Bleckede bleibt, ist die Liebe zu seiner Mutter. Jetzt läuft es andersherum: Im Dezember 1983 ist die Zeit der finanziellen Not längst vorüber, nun gibt er etwas zurück: „Deshalb der Umschlag, mit dem Du einen kleinen Einkaufsbummel machen sollst.“ Immendorff ist zum „wilden Mann“ (NDR) der deutschen Kunst geworden und laut Deutschlandfunk „außen hart, innen ganz weich“. Das Weiche fließt an die Elbe, 1984: : „p.s. Kein Mensch kann sich zwischen uns stellen!“

Von Hans-Martin Koch