Samstag , 26. September 2020
Sängerin Franka Kraneis bei der Probe für die Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“. Foto: t&w

Isolation wird zum großen Thema

Lüneburg. Theater hat die Aufgabe, aktuell zu sein, auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen einzugehen, sie zu kommentieren. Dass solche Reaktion sich aber eines Tages weniger auf die Bühnenstücke selbst als vielmehr auf die Gestaltung der Spielplan-Termine beziehen könnten, damit hat wohl niemand wirklich gerechnet. Das Theater Lüneburg stellt nun seinen Corona-Krisen-Plan für die Saison 2020/21 vor: Es wird deutlich mehr – und deutlich kürzere – Vorstellungen geben.

Die aktuelle Spielzeit ist längst abgesagt. Die Einnahmen sind weggebrochen, die Rücknahme der bereits georderten Tickets läuft. Immerhin: Rund ein Drittel wurde umgebucht, ein weiteres Drittel dem Theater gespendet. Ab September wird das Publikum – bei neuen Produktionen wie bei den Wiederaufnahmen – zum Teil recht ungewöhnliche Inszenierungen zu sehen bekommen, wohl mit originellen Lösungen, um die Corona-Hygienebestimmungen einhalten zu können.

Mehr Nachdenklichkeit, mehr Sensibilität

Auch Schauspieler, Musiker, Sänger und Tänzer können sich gegenseitig infizieren. Also gilt für die Bühne wie im richtigen Leben: Distanz wahren. Liebende kommen sich nicht wirklich nahe, Sehnsucht und Begehren werden dann eben anders, subtiler, gespielt. Mit „mehr Nachdenklichkeit, mit mehr Sensibilität und Durchlässigkeit in der Wahrnehmung durch das Publikum“ rechnet Intendant Hajo Fouquet. Grundsätzlich müssen die Darsteller sechs Meter Abstand zur ersten Zuschauer-Reihe einhalten.

Das große Haus wird 150 (statt wie üblich 540) Besuchern Platz bieten, das T.NT-Studio und das T.3 sind auf jeweils 45 Zuschauer begrenzt. Damit wenigsten ein Teil der Ticket-Erlöse wieder hereinkommt, soll es auf einer Bühne zwei Vorstellungen unterschiedlicher Stücke pro Abend geben, die dann beim Schauspiel auf je 75 Minuten begrenzt sind. Wenn dann auch noch zwei Bühnen bespielt werden, ergibt das vom Zeitplan her eine ganz schöne Herausforderung, die Besucher aneinander vorbeizuleiten.

Format „Kunst ver-rückt Tanz“

Bei Oper, Operette und Musical sieht es noch anders aus: Eine Stunde Orchester, eine Stunde Pause, eine Stunde Orchester, das ist auch eine Frage des Arbeitsrechts und der Belastbarkeit, „Don Carlos“ beispielsweise ist dann (ab 19. September) zwei mal hintereinander in konzertanter Aufführung zu erleben. Ballettchef Olaf Schmidt wird sein Tanzstück „Room“, Uraufführung ist am 10. Oktober, in mehreren Räumen nebeneinander spielen lassen, ein zentrales Thema ist natürlich die Isolation. Und das beliebte Format „Kunst ver-rückt Tanz“ (ab 6. September) mit Choreographien aus der Mitte des Ensembles bietet diesmal ausschließlich Soli. „Der Nussknacker“ mit der berühmten Musik von Tschaikowsky feiert am 27. November Premiere. Saison-Auftakt – ohne das obligatorische Theaterfest – ist am Freitag, 4. September mit dem Schauspiel „Die Jungfrau von Orleans“. Wiederum ein Solo (Stefanie Schwab). Inhaltlich ist das kein Problem, die Heldin war Einzelkämpferin, „ein Monolith in einer fremden Welt“, so Dramaturgin Hilke Bultmann. Am Tag darauf wird die Junk-Oper „Struwwelpeter“ in der Inszenierung von Gregor Müller und Philip Richert wiederaufgenommen. „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ nach dem Buch von Axel Hacke sind ab 13. September zu erleben.

Die nächsten Schauspiel-Premieren: „Pinguine können keinen Käsekuchen backen“ (24. September), „Emilia Galotti“ (25. September), „Geben Sie acht“ (wieder ab 9. Oktober), „Endspiel“ (von Samuel Beckett, 18. Oktober), „Kommt eine Wolke“ (T.3, 29. Oktober), „Die Studentin und Monsieur Henri“ (30. Oktober), „Der Kontrabass“ (1. November), „Der Tatortreiniger (11. Dezember).

Tankstellen-Trio kehrt zurück

Musiktheater: „Don Carlos“ (19. September), die mobile Produktion „Das Tagebuch der Anne Frank“ (im September, Wilhelm-Raabe-Schule), „Die Drei von der Tankstelle“ (Wiederaufnahme ab 26. September), „Fremde in der Nacht“ (Liederabend, 1. Oktober), „Jekyll & Hyde“ (Musical, 2. Oktober), „Songs for a new World“ (Musical, 14. November), „Das kleine Weihnachtsspektakel“ (wieder ab 19. November), „Die Comedian Harmonists“ (wieder ab 19. Dezember).

Im kommenden Jahr, so lautet der Plan, könnte das Haus wieder zum normalen Spielrhythmus zurückfinden. Ab sofort gibt die Theatertruppe, mittlerweile geübt in der Arbeit mit der Kamera, über facebook und YouTube Ausblicke auf die nächste Spielzeit.

Von Frank Füllgrabe