Fortuna Canta hat sich auf die höfische Musik des ausgehenden Mittelalters spezialisiert. Foto: privat

Annäherung an den Codex Chantilly

Reppenstedt/Lüneburg. Viel wurde in den vergangenen Jahren über den Codex Chantilly geforscht – eine bis heute faszinierende Sammlung spätmittelalterlicher Musi k. Man spekulierte darüber, wessen Hände an der Ausfertigung des prächtigen Manuskrips beteiligt waren und wer den Auftrag zur Zusammenstellung der Musik gab. Das Quartett Fortuna Canta, spezialisiert auf Alte Musik, hat eine Auswahl von 18 Balladen in der Lüneburger Friedenskirche aufgenommen, das Album ist im Reppenstedter Label conditura records erschienen.

„Beschäftigt man sich mit der Musik des ausgehenden Mittelalters, dann begegnet man fast unvermeidlich immer wieder Werken aus dem Codex Chantilly“, schreibt Holger Faust-Peters, im Ensemble zuständig für Fidel und Organetto. Und: „Diese Sammlung von über 100 Stücken verschiedenster Komponisten ist ein grandioses Beispiel für die unglaublich vertrackte mehrstimmige Tonkunst Ars Subtilior, die in ihrer rhythmischen Komplexität viele Werke davor und bis hinein ins 20. Jahrhundert in den Schatten stellt. Unter den Auftraggebern für diese Werke waren sowohl französische Könige und Fürsten als auch die in Avignon residierenden Päpste und Gegenpäpste.

Präzise Bearbeitungen

Der offensichtliche Wettstreit der Komponisten um die komplexeste, subtilste Musik bedeutet nicht, dass die Musik theoretisch, verkopft oder errechnet klingen soll, wie einige Musikwissenschaftler noch vor etlichen Jahren glaubten. Mancher vertrat die Meinung, die im Codex vertretenen Stücke seien unspielbar, also ein reines Gedankenkonstrukt. Die Quartett-Musiker konzentrierten sich auf die gesanglichen Aspekte vieler Werke, die allerdings präzise Bearbeitungen und kreative Umsetzungen erfordern.

Das anonyme Stück Ung lion say beispielsweise erhielt von verschiedenen Mittelalterexperten die unterschiedlichsten Vorschläge hinsichtlich der Vorzeichen, die in dieser Epoche nur teilweise zwingend vorgeschrieben sind. Auch die nun vorgestellte Version erhebt keinen Anspruch auf alleinige Richtigkeit, „möglicherweise wird die Fassung auch bei uns weiterhin verändert“, so Faust-Peters. Die Musikwissenschaft nennt das die musica ficta causa pulchritudinis, eine veränderte Musik um der Schönheit willen.

Neben Holger Faust-Peters musizieren Stefanie Brijoux (Sopran und Harfe), Katrin Krauß-Brandi (Blockflöten) und Ute Faust (Fidel und Blockflöten). Zum Album gehört ein informatives Booklet. ff

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