Samstag , 26. September 2020
Gerhard Henschel lebt in Medingen und pflegt im Keller ein umfangreiches Archiv. Foto: ff

Angewandte Literaturkritik

Bad Bevensen. Der Regionalkrimischreiber Nils Ole Feddersen wird auf Hallig Norderoog von hungrigen Wölfen verspeist. Feddersens Kollegen Gerwald Mühlenhoff beziehungsweise seinen Rest wird man kopfüber in einem toten Baumstumpf im Müritz-Nationalpark finden. Und schon ganz zu Beginn ist es „Heidefieber“-Schreiber Armin Bredderloh, der in der real existierenden Buchhandlung Patz in Bad Bevensen gelesen hat und nun mausetot mit zwei eingesetzten Glasaugen im Nixengrund liegt. Das sind drei von vielen, die Gerhard Henschel in seinem „Überregionalkrimi“ namens „SoKo Heidefieber“ genüsslich ums Leben bringt.

Henschel ist mit Spott und Satire seit gut 30 Jahren unterwegs. Er schreibt mit den Martin-Schlosser-Romanen eine Chronik seines Lebens und seiner Zeit, er verfasst Sachbücher und Kolumnen, übersetzte mit Kathrin Passig Bob Dylans „Chronicles“, erhielt den Nicolas-Born-Preis. Jetzt aber legt der 58-Jährige den Sumpf der Regionalkrimis trocken, jedenfalls ein wenig. Das Verfahren: Schlage den Gegner mit seinen Mitteln!

Aufzuklären also ist von der SoKo Heidefieber eine Serie von Morden an Autoren des Genres. Sie sterben alle präzise einen Tod, den sie im Platitüden-Konzert ihrer Krimis arrangiert haben. So fliegt mal die Mikrowelle ins Badewasser, folgt auf Festung Ehrenbreitstein ein 50-Kilo-Rottweiler seiner Zerfleischungslust, reißt der Schreiber vom „Nuttenkiller aus der Steiermark“ das Gipfelkreuz des Großglockners um, als er aus einem Helikopter plumpst. Die Liste ist lang, und den maximalgrauseligen Fall mit den glühenden Zangen mag man kaum nennen…

Eitelkeit der Autoren

Dazu spießt Henschel in seiner überbordenden Krimi-Parodie die Eitelkeit der Autoren auf. Für sie steht vor allem der hyperventilierende Zwirbelbartträger Waldemar König („Die zersägte Abtissin“). Über 284 Seiten führt Henschel mit spürbarem Spaß an der Überhöhung der Trivialitäten ein wild wucherndes Genre vor. Dass die Ermittler Gerold Gerold und Ute Fischer eine Affäre beginnen, muss natürlich auch sein. Dass allerdings noch eine Liebes-pille für dralle Komik sorgt, ist des Guten denn etwas zu viel.

Henschel baut neben Buchhändler Patz weitere real existierende Menschen ein, den Verleger Gerd Haffmans etwa und als weiteren roten Faden der Geschichte den Autorenkollegen Frank Schulz.

Genauer Termin steht noch nicht fest

Der Roman-Schulz stürzt, nachdem er die Mordserie als angewandte Literaturkritik ironisiert hat, von einer Hölle in die nächste, wird von Menschen und Bären ohne Ende malträtiert. „Mein alter Freund Frank Schulz hat das alles gelesen und gutgeheißen, und wenn es eine Verfilmung geben sollte, möchte er gern von Ralf Moeller gespielt werden“, sagt Henschel.

Regionalkrimis habe er mehr als genug gelesen, sagt Henschel. Wenn er einen Krimi empfehlen soll, landet er „guten Gewissens“ bei Frank Schulz und dessen Onno-Viets-Trilogie. Er lese nun mal gern alles, was glänzend geschrieben ist.

Henschel, der in Medingen lebt, baut aufs Corona-Ende: „Der genaue Termin steht noch nicht fest, aber aller Voraussicht nach werden Frank Schulz und ich irgendwann im Herbst in der Buchhandlung Patz aus ‚SoKo Heidefieber’ lesen.“ Das wäre auch ein Fall fürs Lüneburger Krimifestival. Aber das ist in der Tat ein ganz anderer Fall.

„SoKo Heidefieber“, Verlag Hoffmann & Campe, 288 Seiten, 18 Euro.

Von Hans-Martin Koch