Sonntag , 20. September 2020
Sandra Gugic ist die aktuelle Heine-Stipendiatin, allerdings wegen Corona von der Präsenzpflicht befreit. Dennoch will sie die Stadt kennenlernen und kommt zu Kurzbesuchen. Foto: BeckVerlag

Zeitpunkte, Verschiebungen, Frühlingserwachen

Eigentlich wollte sie schon längst im Heinrich-Heine-Haus wohnen: Sandra Gugic, die neue Stipendiatin, doch Corona und Mutterschaft durchkreuzten die Pläne. Nun schreibt die Autorin exklusiv für die LZ über ihre Gefühle rund um die „Nicht-Ankunft“.

Von Sandra Gugić

Berlin. Am 3. Mai 2018 um 9 Uhr 40 erreicht mich eine Nachricht aus dem Literaturbüro Lüneburg. Das Heinrich-Heine-Stipendium 2020 ist mir zugesprochen worden. Ich bin im vierten Monat schwanger und habe keine Vorstellung davon, wie das Jahr 2020 verlaufen könnte. Eine befreundete Autorin schickt mir ein Live-Video aus ihrer Heinrich-Heine-Stipendienzeit, führt mich kommentierend durch die Räume. Meine Augen folgen den Bildern, ich versuche mir vorzustellen, wie ich an diesem Ort schreiben werde. In diesen Tagen arbeite ich unentwegt: an meinem zweiten Roman, parallel an meinem Lyrikdebüt und – im Verbund eines Kollektivs – an der Umsetzung einer Literaturkonferenz zur Erosion des Demokratischen mit dem Titel: „Ängst ist now a Weltanschauung“. Die schriftliche Bestätigung der Stipendienzusage, die wenige Monate später eintrifft, pinne ich zur Motivation an die Wand meines Arbeitszimmers neben meine To-do-Listen.

Das Geräusch der Stille nach dem Versenden

Im Herbst 2018 befinde ich mich nach einem Umzug in einem physischen und mentalen Ausnahmezustand, die Sommerhitze will sich einfach nicht verabschieden, ich sitze zwischen unausgepackten Kisten wie eine Eidechse auf einem warmen Stein, bewegungslos, erschöpft, gleichzeitig in Erwartung, dass etwas passiert. In der Nacht vor der Geburt meines Kindes mache ich die letzten Korrekturen im Romanmanuskript, schreibe E-Mails an Agentur und Verlag, lausche dem Geräusch, das das Versenden begleitet, und dem Geräusch der Stille danach.

Das Jahr 2019 vergeht wie ein Rausch, vom Muttersein finde ich zurück ins Schreiben, zum ersten Mal reise ich nicht allein zu meinen Lesungen, sondern mit meiner kleinen Familie. Mein Leben hat sich verändert, alles muss ganz neu geplant, getaktet, organisiert werden. Auch das Jahr 2020 ist geordnet, bevor 2019 Geschichte ist. Und dann kommt 2020.

Die Unordnung der Dinge

Im Mai 2020 trete ich mein Stipendium an, ohne Berlin verlassen zu können. Ich befinde mich hier: Morgens zwischen 5 Uhr 30 und 6 weckt mich mein Kind, jeden Tag hat es beste Laune, die scheinbar durch nichts getrübt werden kann, ich rolle mich träge aus dem Bett, um sofort Tempo aufzunehmen, weiter im Zickzack durch die To-dos des Tages, die niemals alle erledigt werden können, nicht in diesem Leben, finde mich abends zwischen den Deadlines, dem Sammeln von Gedanken und Zeilen, sortiere Rechnungen, beantworte E-Mails, verliere mich im Satzlauf meines Romans, finde keinen Schlaf, falle endlich, öffne meine Augen, es ist 5 Uhr 30. Ich befinde mich hier: im Loop zwischen Sorgearbeit, Selbstbeherrschung und Zorn. Eine Müdigkeit, die der Unordnung der Dinge geschuldet ist, dem diffusen Schwebezustand, dem Nichtwissen wie es weitergehen wird. Jeden Tag kämpfe ich mit einer Müdigkeit, die alles zersetzt und auflöst: die Gedanken, die Ideen, jegliche Pläne, sogar den Zweckoptimismus. Ich betrachte das Foto, das auf den Umschlag meines neuen Romans gedruckt werden soll. Bin das immer noch ich? Wo befinden wir Kulturschaffende, wir Schreibende uns im Frühlingserwachen der Pandemie 2020?

Draußen ist Frühling, dem scheint das alles egal zu sein. „Nature is healing“ ist ein Running Gag auf allen Kanälen. Bäume und Sträucher blühen wie nie zuvor. Nur muss ich lesen, dass das kein gutes Zeichen ist: ein namhafter Ökologe sagt: Bäume und Sträucher stehen – und das nicht nur hier, sondern in ganz Mitteleuropa – „massiv unter Stress“. Dass Bäume trotz Trockenheit ihre Energie in die Vermehrung setzen, deutet der Ökologe als Angstblühen. Die Bäume versuchen mit Tausenden, Millionen Samen dafür zu sorgen, dass für die Zukunft vorgesorgt ist. Angstblüte also.

Literatur muss mutig und wachsam sein

Einige spinnen Utopien von einer besseren Welt nach der Pandemie. Andere sagen, dass die Welt danach noch viel schlimmer sein wird. Stehen wir alle nun vor einem gesellschaftlichen und persönlichen Neubeginn und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu? Literatur muss mutig und wachsam sein. Eigentlich ändert sich die Rolle der Literatur also nicht. Und überhaupt: Wird sich die Gesellschaft wirklich verändern, werden wir uns wirklich verändern? Das können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Die Literatur muss lebendig bleiben, damit sie etwas verändern und aufzeigen kann, durch das Wort, den Text, die Sprache.

„Nach wem rufen wir im Bewusstsein unserer Ohnmacht, wenn wir nach Hilfe rufen? Nach einer höheren Instanz, einem Gott oder einer Göttin, nach Mama oder Papa, nach einem tröstlichen Lied? Oder nach der Sprache.“ * (frei nach Cornel West)

Zur Person

Studium in Wien und Leipzig

Sandra Gugić, 1976 in Wien geboren, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. 2009 begann sie zu schreiben. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2012 gewann sie den Open Mike. Ihr erster Roman „Astronauten“ (C.H. Beck) erschien 2015 und erhielt u. a. den Reinhard-Priessnitz-Preis.

2018 kuratierte sie – mit dem von ihr 2016 mitbegründeten Autor*innenkollektiv „Nazis & Goldmund“ – die Literaturkonferenz für künstlerische Strategien gegen den Rechtsruck „Ängst is now a Weltanschauung“ im Ballhaus Ost. 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“ im Verlagshaus Berlin. Im Herbst 2020 erscheint ihr zweiter Roman „Zorn und Stille“.

Sandra Gugić lebt als freie Autorin in Berlin. Sie wird vom 7. bis 11. Juni mit ihrer Familie Lüneburg besuchen, um die Stadt und die Menschen kennenzulernen. Vielleicht werden weitere Stippvisiten folgen.

Aufgrund der schwierigen Betreuungssituation für ihr Kind durch die Corona-Krise wurde die Präsenzpflicht für ihr Stipendium aufgehoben. Dafür hat Sandra Gugić angeboten, exklusiv diese Texte zu schreiben, um als Stipendiatin in Lüneburg weiterhin auch noch wahrgenommen zu werden.