Samstag , 26. September 2020
Stefanie Kleefeld leitet die Halle für Kunst. Der Kunstverein hat neue Räume in der Innenstadt in Aussicht und eine Absicherung für die nächsten drei Jahre. (Foto: t&w)

Die Sockel sollen stabil bleiben

Lüneburg. Kein Theater, keine Konzerte, keine Lesungen. Wann immer Corona endet, wie und wo wird es die Kultur treffen? Wie steht es um Theater, die Sparkassenstiftung als zentrale Einrichtung der Kulturförderung, die Museen, die freien Solokünstler und Gruppen? „Lüneburg bleibt eine Kulturstadt“, sagt Oberbürgermeister – und Kulturdezernent – Ulrich Mädge. Alle Maßnahmen laufen nach der Devise: „Wir gehen jetzt nicht nach oben, wir erhalten die Sockel.“ Ein Bericht zur Lage in der Stadt.

Theater: Es ist die Dauerbaustelle der Kultur. Nicht künstlerisch, nicht vom Besucherinteresse her, aber immer beim Geld. „Letztlich werden wir mit dem Theater immer an der Kante kämpfen, entscheidend ist immer, wie sich das Land verhält“, sagt Mädge. Aktuell gibt es einen Erfolg zu vermelden: Das Land hat seine Absicht, den Vertrag zur Grundsicherung der kommunalen Theater in Niedersachsen auf ein Jahr zu beschränken, fallen lassen.

„Die Grundlage bis 2023 ist damit gesichert, allerdings ohne Tarifsteigerungen, da müssen wir dann wieder verhandeln“, so Mädge. Vom Land kommen derzeit 3,77 Millionen Euro, von den kommunalen Trägern Stadt und Landkreis fließen jeweils 1,72 Millionen Euro.

Ein Loch von gut 600 000 Euro

Aber gibt das wirklich Sicherheit? In der mittelfristigen Finanzplanung des Theaters steht bis 2022/23 ein Loch von gut 600 000 Euro. Aktualisierte, wohl kaum bessere Zahlen liegen am kommenden Mittwoch bei der Aufsichtsratssitzung auf dem Tisch. Dafür aber, dass es weitergeht mit dem Theater, gibt es ein Signal: Der Vertrag mit Intendant Hajo Fouquet wurde bis 2026 verlängert.

Und aktuell? Das Theater spielt in der Regel 25 Prozent seines Etats über Einnahmen, sprich Kartenverkauf ein – bundesweit ist das ein Spitzenwert. Dort liegt der Schnitt bei 18 Prozent, sagt Theater-Verwaltungsdirektor Volker Degen-Feldmann. Der seit Mitte März komplette Wegfall der Einnahmen werde aber über das Kurzarbeitergeld aufgefangen.

Degen-Feldmann freut sich über die große Solidarität aus dem Publikum: Bei der Abwicklung schon an der Theaterkasse gekaufter Karten für die abgebrochene Spielzeit würde ein Drittel der Käufer das Eintrittsgeld als Spende ans Theater geben, ein Drittel sich für einen Gutschein entscheiden, ein Drittel bekomme das Geld zurück. Anfang September soll es wieder echtes Theater geben.

Sparkassenstiftung: Wichtigster Förderer – nicht nur – der Kulturlandschaft ist die Sparkassenstiftung Lüneburg. Ihr Etat ist abhängig von Erträgen der Sparkasse. „Wir mussten die Bremse ziehen“, sagt Mädge – der Etat schrumpfte von zuletzt 2,1 Millionen Euro auf 1,35 Millionen. Für alle Stiftungen der Sparkasse heißt das: Die Projektförderung ist vorläufig auf Null gefahren, „wir konzentrieren uns auf strukturerhaltende Maßnahmen. Im September, wenn die Sparkasse neue Zahlen vorlegt, schauen wir uns die Situation an“, sagen Mädge und Stiftungs-Geschäftsführer Carsten Junge.

Wie wichtig die Stiftung für die Kultur ist, zeigt das Jahr 2019, in dem mehr als zwei Millionen Euro in die Kultur investiert wurden. Von 306 Anträgen wurden 280 bewilligt, eine Quote von 91,5 Prozent.

Förderungen zwangsweise gekürzt

In diesem Jahr gab die Stiftung laut Carsten Junge für die Kulturförderung 650 000 Euro aus. Bei den institutionellen Förderungen wurde zwangsweise gekürzt. Die Museumsstiftung zum Beispiel bekommt statt 370 000 Euro nun 200 000 Euro, beim Theater wurden 50 000 Euro gestrichen. Auch die Sparkassenstiftung muss mit weniger Geld auskommen: „Wir haben bei der KulturBäckerei und dem Kunstarchiv 30 Prozent der Gesamtkosten gekürzt“, sagt Junge. Generell werde die Struktur der Sparkassenstiftung neu – und kostensparend – aufgestellt. „Wir tun, was möglich ist“, sagt Junge und verweist auf einen Notfall-Etat.

Museen: Kaum Besucher, keine Klassen, keine Reisegruppen. Die Museumsstiftung muss dazu wie alle Einrichtungen mit weniger Geld auskommen. Kurzarbeit, nicht vorgenommene Einstellungen helfen, den Kostendruck zu mildern. Trotzdem: Gut 40 000 Euro Minus seien monatlich zu erwarten, sagt Mädge. „Wir springen bei den Museen aber einmalig mit 100 000 Euro zur Deckung des Defizits ein“.

Sind denn die Sanierung und Neukonzeption des Salzmuseums gefährdet? Man sei im Zeitplan sagt Mädge – und hoffe, dass alle Zuschüsse wie zugesagt fließen. Beim Salzmuseum bahnt sich parallel zu den Baumaßnahmen ein Umbruch an. Die Ära Lamschus endet. Nachdem Gründungsdirektor Christian Lamschus wegen Erkrankung ausgefallen war, hatte seine Frau Hilke die Leitung übernommen. Im kommenden Jahr geht sie in den Ruhestand. Anfang 2021, so Mädge, wird die Stelle der Museumsleitung ausgeschrieben.

Die Freien: Ohne regelmäßige Subventionen leben frei arbeitende Künstler und Gruppen, etwa die freien Theater. Sie nähren sich üblicherweise über Projekte, die gefördert werden, und über den Kartenverkauf. Die aktuelle Situation der selbstständigen Künstler fällt individuell völlig unterschiedlich aus. Es gibt eine Fülle von mehr oder wenig üppig ausfallenden öffentlichen Hilfen, die mit mehr oder weniger bürokratischen Hürden verbunden sind. Die einen wissen, wie sie an Hilfen kommen, andere rätseln.

Katrin Schmäl und Alyssa Wolter vom Kulturamt der Stadt geben einen Newsletter mit Infos über Corona-Sonderprogramme heraus, etwa die von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung oder der VGH-Stiftung. „Wir stehen mit den freien Theatern in engem Kontakt“, sagt Kulturreferentin Katrin Schmäl. Das bestätigt zum Beispiel Julia von Thoen vom Schauspielkollektiv, die sich fragt: „Was ist danach? Wie kann es wieder beginnen?“

Kulturelles Angebot im Kurpark

Niemand weiß, ob Hilfsmaßnahmen mittel- oder sogar langfristig nötig und umsetzbar sind. Sollte im Herbst der Kulturbetrieb wieder hochgefahren werden, werde zu prüfen sein, inwieweit zielgerichtete Projektförderung geleistet werden könne, sagt Katrin Schmäl. Eine kurzfristig umsetzbare Idee: Freischaffende Künstler bieten im Sommer ein kulturelles Angebot im Kurpark. Noch ist das nicht ganz spruchreif.

Überall werden Kontakte und Netzwerke genutzt. Das Scala-Programmkino kam jetzt zum Gespräch mit Stadt und Sparkassenstiftung. „Wir werden das Kino nicht kaputtgehen lassen“, versichert Mädge. „Absichern konnten wir für die nächsten drei Jahre auch die Halle für Kunst“, die neue Räume in der Innenstadt gefunden hat. „Der Mietvertrag wird noch geprüft, wir sind sehr dankbar für die Unterstützung“, sagt Halle-für-Kunst-Leiterin Stefanie Kleefeld. Der Verein muss, wie berichtet, zum Jahreswechsel seinen Standort an der Reichenbachstraße verlassen.

Unterstützung gab es, so Mädge weiter, auch für den Kunstverein und bei den Betriebskosten des Kulturforums. Überall lauern Kultur-Baustellen. Bei Kulturkneipen wie dem Salon Hansen sei es noch schwieriger, sagt Katrin Schmäl. Sie seien kulturgewerblich aufgebaut, „da müssen wir mit der Wirtschaftsförderung sprechen. Es könnte schnell um Summen gehen, die wir auch für gemeinnützige Einrichtungen nicht zur Verfügung haben.“

Fazit: Es gibt von vielen Seiten viel Engagement, viel Solidarität. Es geht niemandem gut. Es bangen viele. Es gibt Hoffnung. Es geht noch sehr lange ums Geld. Es kommen die schweren Zeiten erst noch. Es gibt keine einfachen Antworten.

Von Hans-Martin Koch