Dienstag , 22. September 2020
Tonmeister Christian Lerch begutachtet das neue Soundsystem. Foto: t&w

Wenn es im Kino regnet

Lüneburg. Für Freunde des Mottos „Höher, schneller, weiter“ ist es eine kurze Geschichte. Sie geht so: Der Filmpalast hat seine Verstärkerleistung jetzt von 10.000 auf 30.000 Watt gesteigert. Geschichte zu Ende.

Für Freunde eines sinnlichen Kinobesuchs hört sich die Geschichte anders an: Bei einer Naturdoku wird sich der exotische Vogel in Zukunft direkt auf ihre Schulter setzen und ihnen ein Liedchen ins Ohr trällern. Und wenn dann der tropische Regen hereinbricht, wäre der Griff zum Regenschirm nur allzu verständlich. Das Geheimnis dieser neuen Akustik: Dolby Atmos.

Lautsprecher werden einzeln angesteuert

Fünf Wochen lang wurde im Filmpalast in den Kinos 1 und 8 gewerkelt, die alten Lautsprecher demontiert, Dutzende neue Lautsprecher installiert, 2,5 Kilometer Kabel verlegt. „Wir wollten diesen Umbau im Zuge der Fußball-Europameisterschaft ohnehin machen, die Investition war lange geplant“, so Filmpalast-Geschäftsführerin Annette Wörsdörfer. „Jetzt haben wir halt die Corona-Zwangspause genutzt.“ In 1 und 8 gibt es also ab sofort exklusiv etwas auf die Ohren. In den Sälen 2 bis 7 wurde ein Upgrade des bestehenden Systems vorgenommen.

Dolby Atmos ist das Nonplusultra auf dem Markt. Bis 1975 hörten die Kinobesucher nur Mono. Mit „Star Wars“ Mitte der Siebziger marschierte Dolby Stereo in die Säle. 1992 wurde es von Dolby Digital abgelöst. Und 2012 erblickte dann Dolby Atmos die Welt. Apropos Welt: Rund um den Globus können etwa 6500 Kinos ihren Besuchern dieses Soundsystem bieten, in Deutschland sind es gerade mal 189. Lüneburg verstärkt ab sofort diesen exklusiven Kreis.

Eine völlig neue Klangdimension

„Dolby Atmos ist ein System, das zum ersten Mal eine große Anzahl an Lautsprechern individuell ansteuern kann“, erklärt Arne Gerlach, der im Filmpalast für die Technik zuständig ist. „Vorher hatten wir im größten Saal zum Beispiel 20 Lautsprecher an den Seitenwänden und der Rückwand mit nur vier Surroundkanälen; jetzt sind es jeweils 38 inklusive zusätzlicher Deckenlautsprecher. Dadurch kann der Ton regelrecht um den Zuschauer herumfließen, und es ergibt sich eine völlig neue Klangdimension“ Auch die Zahl der Subwoofer erhielt ein Upgrade: Aus vier wurden jetzt zwölf.

„Es gibt durch Dolby Atmos eine viele detailliertere Lokalisation der Töne“, verrät Christian Lerch. Er ist Tonmeister bei der Firma Dolby und sorgt in diesen Tagen im Filmpalast für die Feinabstimmung des Sounds. „Jetzt haben wir den Effekt, dass das Publikum mitten im Geschehen sitzt und nicht einfach nur Zuschauer ist“, so Lerch.

Durch Dolby Atmos kann das Vogelzwitschern quasi an jeder Stelle im Saal platziert werden. Christian Lerch ist eine Bemerkung noch wichtig: „Es wird im Saal aber nicht lauter als vorher, sondern qualitativ einfach nur besser.“ Und was kommt nach Dolby Atmo? Lerch: „Wir haben jetzt eine sehr, sehr hohe Auflösung der Töne. Damit ist die Evolution abgeschlossen. Wir sind da, wo wir hin wollten.“

Ein Festival bei der Wiedereröffnung

Dann wird es ja höchste Zeit, dass die Kinos wieder öffnen dürfen. In Lüneburg soll das ab dem 8. Juni der Fall sein. „Aber das kann sich natürlich ändern“, sagt Annette Wörsdörfer. „In jedem Fall werden wir gleich zu Beginn ein Dolby-Atmos-Festival starten, um unserem Publikum zu zeigen, was sich bei uns geändert hat. Immerhin feiern wir im Oktober ja auch unser 20-jähriges Bestehen.“ Und das nicht nur mit einem neuen Soundsystem. Denn auch die Wandbespannung an den Seiten ist jetzt ausgetauscht worden. So ist das eben: Alles neu macht der Mai.

Von Thorsten Lustmann