Freitag , 23. Oktober 2020
Mit dem Skizzenbuch durchstreift Barbara Hirsekorn die Stadt und findet die Motive, die ihren Feinschliff auf der Staffelei erhalten. (Foto: t&w)

Zeit ist ein kostbares Gut

Lüneburg. Zu den gern unterschätzten Instrumenten zählt die Bratsche. Ihre Wärme, ihre Tiefe, ihre Vielseitigkeit, sie gehen im Orchestersound schnell ein wenig verloren. 25 Jahre spielte Barbara Hirsekorn die Bratsche an der Kieler Staatsoper. Dann war es genug. Nun lebt sie „selbstbestimmt“ und hat das Aquarell zum Beruf gemacht. Das Aquarell, die vielleicht am stärksten unterschätzte Form der Malerei. Gegen das Vorurteil tritt sie an – jetzt als neue Stipendiatin der Uwe-Lüders-Kunststiftung. Bis Ende Juni malt Barbara Hirsekorn im Rote-Hahn-Stift.

Lieber gemalt als Bratsche geübt

Dort, im malerischen Hinterhof, ließ Uwe Lüders, Unternehmer aus Lübeck mit Herz für Lüneburg, mit der Sparkassenstiftung eine Wohnung für Stipendiaten herrichten. Barbara Hirsekorn hat im Obergeschoss einen fast raumfüllendenTisch ans Fenster gerückt, er ist mit Farbtuben übersät. Blätter mit Studien zu Auge, Ohr und Mund liegen bereit, Tageslichtlampen leuchten den winkligen Raum aus. Auf einer Staffelei steht ein aktuelles Ergebnis mit dem Rathaus als Hauptmotiv. Es sieht nach Arbeit aus. So einige Bilder mit Stadtansichten sind schon entstanden, dazu eine Galerie mit Porträts.

„Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Zeit, ich bin total zufrieden“, sagt die Malerin. Zeit, das war für sie immer ein kostbares Gut. Vier Kinder, Orchesterdienste, Proben, Aufführungen füllten den Tag, den Abend, das Wochenende. Und doch: „Ich habe eigentlich mehr gemalt als Bratsche geübt.“

Nach dem Abi hatte sie schon eine Mappe für die Bewerbung an der Hochschule fertig. Doch sie stammt aus einer Musikerfamilie; da spielte die Bratsche dann doch – biographisch betrachtet – die erste Geige. Für die DDR-Bürgerin aus Brandenburg kam ein ganz pragmatischer Grund hinzu: „Der Musikerberuf war damals das Tor zur Reisefreiheit.“ Nach der Wende zogen Bratscherin und Bratsche nach Kiel. Jetzt liegt die Bratsche allein im Opernhaus…

Plädoyer fürs Aquarell 

Barbara Hirsekorns Plädoyer fürs Aquarell hat zunächst auch einen praktischen Grund. Sie hatte ja kaum Zeit. Aquarellmalerei passt da, sie erlaubt bzw. fordert schnelles Arbeiten. Die Zeitspanne vom ersten Pinselauftrag bis zum fertigen, trockenen Bild ist knapp bemessen.

Das Entscheidende aber sei: „Mit dem Aquarell geht alles“, eben nicht nur „das sogenannte deutsche Hausfrauen-Aquarell. Damit will ich nichts zu tun haben“, sagt die Malerin. Sie hat gar nichts gegen die vielen Hobbymalerinnen, sie leitet selbst Malreisen. Aber für ihre eigene Kunst sind die softluftig-fluffigen Aquarelle von Blüten, Küsten und Himmeln doch zu blass, zu brav. Barbara Hirsekorn arbeitet aus Tuben heraus. „Wenn man einen dickeren Farbauftrag macht, hat man nur eine Chance. Es zeigt sich, ob man mutig ist. Man kann nicht korrigieren.“

Das Uwe-Lüders-Stipendium empfindet sie als „doppelten Glücksfall, ich bin im Unterschied zu vielen Künstlern gar nicht so tief gefallen“, sagt Barbara Hirsekorn. Malreisen hatte sie in dem Zeitraum, in den Corona platzte, ohnehin nicht geplant. Genau jetzt drei Monate Malen ohne Sorgen: Es passt wirklich ideal.

Stimmungen von Nähe und Ferne spiegeln

Lüneburg ist ihr bis dahin fremd gewesen. Mit Skizzenbuch und kleinem angeklemmten Farbkasten durchstreift sie nun die Stadt. Morgens sucht die Frühaufsteherin ihre Motive, später setzt sie ins Bild, was die Skizzen anbieten. Es geht nicht ums korrekte Abbild. Straßen können breiter, Gebäude schlanker sein. Das Bild muss eine Atmosphäre einfangen, Stimmungen von Nähe und Ferne spiegeln und stimmen muss die Balance von Leichtigkeit und Masse.

Abends malt Barbara Hirsekorn Porträts, bis 23 Uhr – ein strammes Programm. Die Wochen sind gut gefüllt. In die Heide will sie noch, in die Elbtalaue – „haben Sie einen Tipp?“. Dann driftet das Gespräch ab zum Heisterbusch und zum Totengrund, nach Radegast und Wilsede, Konau und Niederhaverbeck…

Stipendium fördert die Professionalisierung

Drei Monate fürs Malen

Als Treuhandstiftung ist das Uwe-Lüders-Stipendium an die Sparkassenstiftung Lüneburg angedockt. Seit 2016 erhalten Stipendiaten über drei Monate einen monatlichen Zuschuss in Höhe von jeweils 1500 Euro sowie kostenfreies Wohnen im Rote-Hahn-Stift.

Eine sechswöchige Präsenz wird vorausgesetzt, ein Materialzuschuss von 1000 Euro kommt hinzu. Die Idee des Stifters zielt auf eine Professionalisierung von Künstlern, „die am Kunstmarkt noch nicht etabliert sind und noch nicht von anderweitigen Galerien oder Institutionen erfolgreich vertreten werden.“ oc

Von Hans-Martin Koch