Montag , 28. September 2020
Das sind die Auserwählten, die nächstes Jahr im Heine-Haus wohnen werden: Jan Böttcher, Barbi Markovic und Katharina Mevissen. Foto: t&w

Auf den Spuren Heinrich Heines

Lüneburg. Ob das Wohnen in historischen Gemäuern die Kreativität fördert – man weiß es nicht. Fakt aber ist, dass sich um das Heinrich-Heine-Stipendium, das mietfreies Wohnen in dem Haus, in dem einst die Eltern des Dichters Heinrich Heine lebten, stets um die 100 Literaten bewerben.

Seit 1993 gibt es das Stipendium der Stadt Lüneburg, das deutschsprachigen Autorinnen und Autoren einen dreimonatigen Aufenthalt in der Salzstadt ermöglicht. Neben dem Appartement im Anbau des geschichtsträchtigen Gebäudes am Markt steuert das Land Niedersachsen ein Stipendiumsgeld in Höhe von 1400 Euro monatlich bei. In der aktuellen Ausschreibungsrunde mussten 84 Bewerbungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gesichtet werden. Eine Menge Arbeit für den Beirat, der dem Vorstand eine Vorauswahl präsentiert. Dr. Janet Boatin, Lektorin beim Wallstein Verlag (Göttingen), Dr. Tilmann Lahme, Dozent an der Leuphana, und die freiberufliche Journalistin Martina Sulner hatten von Februar bis Mitte April Zeit, ihre Favoriten auszuwählen, das bedeutete lesen, lesen, lesen.

Schaffen im Herzen von Lüneburg

„Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung ist eine Buchveröffentlichung beziehungsweise eine größere Anzahl von Gedichten oder Geschichten, die in Anthologien oder Zeitschriften erschienen sind. Außerdem muss ein zehn- bis 20-seitiges Manuskript eines noch nicht erschienenen Werkes eingereicht werden“, erläutert Kerstin Fischer, Geschäftsführerin des Literaturbüros Lüneburg, das verantwortlich für alles Organisatorische rund um die Stipendiumszeit ist, zu der auch eine Lesung gehört.

Nun stehen die sechs Kandidaten fest, die im nächsten und übernächsten Jahr ihr Schaffen im Herzen von Lüneburg fortsetzen dürfen: Jan Böttcher, Barbi Markovic, Katharina Mevissen, Philipp Stadelmaier, Yannic Han Biao Federer und Stephan Thome. „Das Stipendium versteht sich einerseits als Auszeichnung für das, was sie schon geschrieben haben, andererseits aber auch als Förderung von Neuem“, sagt Geschäftsführerin Kerstin Fischer. Die Jurysitzung ist stets in Lüneburg im Heine-Haus, „dieses Mal aber haben wir gezoomt“.

Der erste Stipendiat, der 2021 die Dichterwohnung am Markt bezieht, ist Jan Böttcher. Was zunächst verwundert ist, dass der Autor ein gebürtiger Lüneburger ist. Allerdings lebt der 47-Jährige schon seit 1993 in Berlin, wohin ihn zunächst sein Studium verschlug. Seine Bewerbung sei dermaßen gehaltvoll gewesen, dass die Jury nicht an ihm vorbeikam. Jan Böttcher hat viele Talente, war bis 2006 auch als Texter, Sänger und Gitarrist der Band „Herr Nilsson“ aktiv. Kein Wunder, dass seine Lesungen oft Lesekonzerte sind. Vielleicht erlebt Lüneburg ja ein solches. Literarische Aufmerksamkteit erzielte er mit dem Roman „Nachglühen“, für den er 2007 den Ernst-Willner-Preis erhielt. In „Das Kaff“, seinem fünften Roman (2018), geht es um die norddeutsche Provinz und einen Architekten. Seine Zeit in der Heimat wolle er auch für Recherchen zu seinem nächsten Projekt nutzen, verriet Kerstin Fischer.

Roman wurde mehrfach ausgezeichnet

Im Mai wird die Autorin Barbi Markovic ihre Koffer im Heine-Haus auspacken. Die gebürtige Serbin studierte Germanistik in Belgrad und Wien, wo sie auch heute noch lebt. Ihr Roman „Superheldinnen“ (2016) wurde mehrfach ausgezeichnet und 2018 im Volkstheater Wien als Bühnenstück aufgeführt.

Stipendiatin Nummer drei ist Katharina Mevissen, mit 29 Jahren die Jüngste im Bunde. Sie stammt aus dem Raum Aachen, kam durch ihr Studium in den Norden, an die Uni Bremen, wo sie Kultur- und Literaturwissenschaft belegte. Ihr Romandebüt „Ich kann dich hören“ (2019) stand unter einem guten Stern, denn bereits für das Manuskript erhielt sie das Bremer Autorenstipendium, für das Buch später den Kranichsteiner Literaturförderpreis.

Zurzeit sollte Sandra Gugić in dem Stipendiatenappartement wohnen und wirken. Die österreichische Autorin („Astronauten“) lebt in Berlin und Wien. Ob sie noch kommen kann oder aus der Ferne für uns schreibt, vielleicht über das Schaffen in der Corona-Zeit, das ist noch offen.

Von Dietlinde Terjung