Sonntag , 25. Oktober 2020
Eigentlich wollten Christian Müller(l.) und Axel Bornbusch das zehnjährige Bestehen des Salon Hansen groß feiern, als Ersatz gibt‘s nun jeden Freitag das Digitalformat „Die Salon Hansen Show“. Foto: t&w

Wenn’s am schönsten ist, sollte man nicht aufhören

Lüneburg. Sie haben jetzt Tische und Stühle auf den Hof gestellt im „To Huus“, schön auf Abstand. Axel Bornbusch und Christian Müller trinken Kaffee, und wenn s ie in der nächsten Stunde Worte wie Leidensfähigkeit und Selbstausbeutung sagen, geschieht das leise und nebenbei und frei von allem Selbstmitleid. Beide erfahren aber gerade, wie zehn Jahre Arbeit in zehn Wochen zugrunde gehen – gehen könnten: Zehn Jahre Salon Hansen, das sollte in diesem Mai gefeiert werden.

Der Club im Vierorten-Haus ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich aus studentischem Engagement Kultureinrichtungen entwickeln, die Lüneburg enorm bereichern. Drei Projekte stehen dafür besonders.

Kulturforum, Konzertscheune, Vamos und Salon Hansen

Das erste begann 1986 mit Nema Heiburg und dem Kulturforum, das draußen auf Gut Wienebüttel den Kanon der klassischen Kultur aufbrach, mit hohem Anspruch, offen für Avantgarde und Experiment. Mit der Konzertscheune nebenan öffnete sich das Programm zunehmend in Richtung Breitenwirkung. Nema Heiburg ist lange raus, Motor Nummer zwei Gebhardt Dietsch auch. Seit 2018 bespielt Mathias Meyer Haus und Scheune, die sich vor allem als Ort für Kabarett-Gastspiele behauptet.

In den 90ern folgte Campus. Mit dem 1994 eröffneten Vamos auf dem Gelände der Leuphana bekam die Stadt einen Ort für Party, Konzert, Comedy und mehr. Campus mit Macher Klaus Hoppe steht heute für vieles, weit über Kultur und Event hinaus: Von Beginn an ging es um studentisches Wohnen, später folgten Ritterakademie, cambio CarSharing, ein Malerfachbetrieb, die Theater-Gastro, der Hof an den Teichen etc.

Nummer drei nun ist in Lüneburg seit den frühen 2000ern die heutige ClubKulturWerke GmbH. Sie steht hinter dem Salon Hansen. Vor dem Club im Keller startete das studentische Team mit der HausBar an der Rote-Hahn-Straße. Bei Konzerten kam es jedoch immer wieder zu Stress mit Nachbarn, als Kneipe mit „Kickertach“ (Kickertag) läuft die HausBar aber nach wie vor.

„Wir hatten so etwas wie Veranstaltungsdrang“

„Wir hatten damals schon die Vision, mehr zu machen, uns breiter aufzustellen“, sagt Bornbusch. „Wir hatten zugleich die Idee, die Trennung von Arbeit und Leben aufzuheben“, fügt Christian Müller hinzu. Beim lunatic-Festival, bei ParkLokal parallel zum Stadtfest hatte das Team gesehen, wie was mit Musik geht. Bornbusch: „Wir hatten so etwas wie Veranstaltungsdrang.“ Mit neuem Ort ließ sich der bald kanalisieren.

Im Vierorten-Haus hatte sich das Team der WunderBar nach fünf Jahren mit Vermieter Enno Becker zerstritten. Der Neuanfang ging schnell, der Salon Hansen war geboren. „Unsere erste Veranstaltung dort war, als es noch WunderBar hieß, eine lunatic-Warmup-Party“, erinnert sich Christian Müller. Er und Axel Bornbusch sind von Beginn an dabei. In den ersten Jahren war noch Thore Debor wichtig, er ist heute Geschäftsführer des Clubkombinats Hamburg.

Partys waren Mittel zum Zweck: „Eine Party finanzierte in etwa vier Kulturveranstaltungen“, so Müller. Mit den Jahren nach „viel Lehrgeld“ wuchs der Kulturteil stärker, das Publikum wurde breiter, offener, der Salon wuchs sozusagen in die Stadt hinein.
„Das Weggeh-Verhalten hat sich total verändert“, beobachtet Bornbusch. Der Partyfaktor ist nicht mehr so hoch. Neben Musik von Jazz bis Hip-Hop, von lokalen bis internationalen Künstlern garantieren „Spoken-Word“-Abende ein volles Haus. Was im Poetry Slam Wort und Witz hat, trat im Salon auf, auch Formate wie die Lesebühne ziehen. Tourplaner für Bands, Comedians, Autoren buchen den Salon, der maximal 199 Menschen fasst.

Schon zweimal den Clubpreis „Applaus“ gewonnen

Mit den Jahren sei man organisch gewachsen, sagt Axel Bornbusch mit Blick auf die ClubKulturWerke. Mit drei Gesellschaften bespielt ein gewachsenes Team verschiedene Projekte. Im Vierorten-Haus wuchs in Sachen Erfolg und Raumangebot der FreiRaum als „Co-Working Space“. Schröders Garten wird bespielt und als jüngstes Glied der Kette das als nahezu klassische Gastwirtschaft konzipierte To Huus. Das Haus in der Schröderstraße schreibt von Illert über Schröder’s bis News eine lange Geschichte in der lokalen Szene.

„Cool bist du ein paar Jahre, dann bist du etabliert“, sagt Bornbusch. Etabliert bedeutet hier: anerkannt. „Wir sehen uns als Instanz für Lebensqualität.“ Zweimal bekam der ökologisch und nachhaltig orientierte Salon Hansen den Clubpreis „Applaus“ für sein Programmangebot. Viel mehr geht nicht.

Und nun? Keine Party, kein Konzert, kein Wort. Zukunft offen. Viel Zuspruch. Jeden Freitag, 20 Uhr, setzt das Team „Die Salon Hansen Show“ ins Netz mit Musik, Literatur und Gespräch. Zuletzt waren DJane Hermine Flanger, die Band Grabbel & The Final Cut, Autorin Marit Persiel und Unternehmerin Meike Bergmann zu Gast. Mit Partyklängen enden die Abende. Auf „Soliticket“-Käufer hoffen die Clubbetreiber.

Das erste Programm nach dem Sommer gestaltet am 5. September Poetry Slammer David Friedrich: „Aber schön war es doch“ heißt sein Programm. Zehn schöne Jahre hatte der Salon Hansen. „Wir wollen weiter ein wichtiger Teil der Lüneburger Kultur bleiben“, sagen Bornbusch und Müller. Es liegt nicht in ihrer Macht. Leidensfähigkeit und Selbstausbeutung sind mehr denn je gefragt.

Von Hans-Martin Koch