Dienstag , 22. September 2020
Die Glocke des St. Nikolaihofes.. (Foto: Ulfert Tschirner)

Hospital für Leprakranke

Lüneburg. Die Stadt hat in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte viele Epidemien kommen und gehen sehen. Anhand ausgewählter Objekte aus dem Museum Lüneburg wirft die Serie einen Blick auf die historischen Herausforderungen, die Seuchenzüge seit jeher für die Gesellschaft bedeuteten. Heute: Die Glocke des St. Nikolaihofes – ein Hospital speziell für Leprakranke
Nur 76 cm hoch ist die Bronzeglocke, die einst im Turm der Kapelle des St. Nikolaihofes in Bardowick hing und nun im Museum Lüneburg verwahrt wird. Auf ihrer Schulter trägt sie die Inschrift: „a(n)no + do(mi)ni + m • cccc + lxviii + ih(esu)s + m(a)ria + het. ic + curd + vribusch + gat + mic“. Im Jahre 1468 goß Cord Vribusch diese Betglocke, die die Bewohner des Nikolaihofs zum Gebet rief.
Die Kapelle bildet den Mittelpunkt des Nikolaihofs, der erstmals im Jahre 1251 genannt wird und auf dem Lüneburger Leprakranke isoliert wurden. Die Lepra drang von Palästina und Arabien aus schon während der Antike in den Mittelmeerraum ein und griff dann von dort im Mittelalter auf Nordeuropa über.

Lepra ist eine chronische Infektionskrankheit, die durch das Mycobacterium leprae ausgelöst wird und zu auffälligen Veränderungen an Haut, Nerven und Knochen führt. Im Stadtarchiv der Hansestadt Lüneburg ist eine um 1400 entstandene niederdeutsche Aufzeichnung über die Kennzeichen der Lepra erhalten. Der Aussatz wird aufgrund medizinischer Lehrbücher erörtert. Die vier Arten der Krankheit (Elephantia, Leonina, Tyria, Allopicia) werden nach ihren Merkmalen aufgeführt und die gemeinsamen Anzeichen besprochen.

Im Jahre 1344 wurden Gesetze für das Zusammenleben auf dem Nikolaihof verkündet. Wer kräftig genug war zu baden, hatte am Gottesdienst teilzunehmen. Die Aussätzigen durften die Grenzen des Anwesens nicht verlassen.

Aufgabe des Vorstehers der Kapelle des St. Nikolaihofs war, zur Verhütung der Ansteckung die Absonderung der Leprakranken streng durchzuführen, überhaupt die Insassen zu Zucht und Anstand zu ermahnen. Wer sich widersetzte, dem drohte nicht nur Exkommunikation, sondern auch Entfernung aus dem Hospital und Verlust der Pfründe.

Ab dem 15. Jahrhundert nahm die Lepra in Mitteleuropa langsam ab. Bereits ab 1470 wurden auf dem Nikolaihof auch gesunde Bürger als Pfründer aufgenommen. Allmählich wandelte sich der Nikolaihof zu einem Alters- bzw. Verarmtenheim und existiert bis heute als eine sozial agierende Stiftung.

Von Edgar Ring