Sonntag , 27. September 2020
Hilke Bultmann (links), Violaine Kozycki und Friedrich von Mansberg bilden das Regie-Team für die Online-Auftritte des Theaters. Foto: t&w

Klicks statt Karten

Lüneburg. Die 100.000 ist eine magische Zahl für das Theater Lüneburg. Wird sie überschritten, liegt die Besucherzahl im hellgrünen Bereich. Jetzt ist die Zahl wieder geknackt, obwohl nach der „Aus Staub“-Vorstellung am 12. März das Licht aus ging im Saal. Statt 100.000 Karten sind nun 100.000 Klicks gemeint. Das tägliche Internet-Programm des Theaters findet viele Freunde, macht Freude, bringt nur kein Geld.

„100.000 Aufrufe, das ist schon sehr, sehr, sehr beachtlich“, sagt Violaine Kozycki. Mit den Dramaturgen Hilke Bultmann und Friedrich von Mansberg bildet die Leiterin der Abteilung für Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing so etwas wie ein Regie-Trio. Kozycki hat sich die Akzeptanz von Internet-Angeboten anderer Theater angesehen. Das führte sie zu der positiven Zwischenbilanz der Lüneburger Aktionen.

Kurzfilme über das Leben ohne Bühne

Zwei Tage nach der coronabedingten Schließung war das Theater bereits online präsent, zuerst in moderierten Kurzvorstellungen als Studio Theater Lüneburg und in Kooperation mit der Landeszeitung. Es folgten 38 Ausgaben mit dem Namenszusatz @home. Mitglieder des Theaters drehten allein oder mithilfe eines Partners kurze Videos über ihr Leben ohne Bühne – immer packten sie einen kulturellen Beitrag in die drei bis 13 Minuten langen Spots. Sämtliche Mini-Präsentationen sind im Internet weiter zugänglich, bei YouTube und via Facebook. Mit dem Suchbegriff „Theater Lüneburg @home“ sind sie leicht zu finden, beginnend mit Philip Richert, der über den nun auch nicht mehr aufziehenden „Sturm“ sinniert, einer Produktion, die zum Saisonfinale über die Bühne toben sollte.

Die meisten Klicks der „@home“-Reihe bekamen Merle Hoch und Gerd Achilles beim komplett scheiternden Versuch, per „Zoom“-Videokonferenz ein Duo einzustudieren. Es folgen Tenor Andrea Marchetti, der ein Lied für die Menschen in Bergamo und Brescia singt, sowie Tänzerin Rhea Gubler mit einer Improvisation im Garten.

Die Aussichten für das Theater auf echte Begegnungen bleiben derweil trübe. Niedersachsen hat Stufe zwei der Lockerung erklommen. Erst bei der abschließenden Stufe fünf sieht der Plan eine Öffnung aller Kultureinrichtungen vor – „mit Restriktionen“. Das Lüneburger Theater bereitet sich auf alle Eventualitäten vor, machte Intendant Hajo Fouquet vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Landeszeitung deutlich.

Clips zur gewohnten Zeit der Vorstellungen

Vorerst bleiben die kurzen Clips im Internet, zur klassischen Theaterzeit: Dienstag bis Sonnabend um 20 Uhr, Sonntag um 19 Uhr. Das Online-Format hat gerade wieder einen neuen Dreh bekommen. Die „@home“-Phase ist vorüber, jetzt heißt es schlicht  Studio@TheaterLüneburg. In dieser Woche stehen Mikrolesungen zum Thema „Was ist Theater?“ auf dem Programm. Zu erleben sind Texte übers Schauspiel und den Beruf des Schauspielers, vorgetragen von Mitgliedern des Ensembles, gedreht irgendwo am, nicht im Theater.

Anschließen werden sich Minikonzerte der Haus-Solisten sowie von Gast Signe Heiberg, die als Senta für den „Fliegenden Holländer“ gebucht war – und nur einmal vor Publikum singen konnte. Auch die Inszenierung der Wagner-Oper dürfte nicht wieder auf der Bühne zu erleben sein. Die Spielzeit sollte am 28. Juni mit dem vom Wind verwehten „Sturm“ enden. Es sieht so aus, als müsste das Trio Bultmann/Kozycki/Mansberg noch einige Ideen stricken.

Von Hans-Martin Koch