Freitag , 25. September 2020
Von links: Johann Bruhn, Enno Wallis und Johannes Landmann wuchten die alte Druckpresse an ihren neuen Heimatort. Die Setzschränke der Rixdorfer Drucke stehen bereits. Foto: t&w

Hier wird Druck gemacht

Lüneburg. Der dickste Brocken kommt immer zum Schluss. Er rollte aus Berlin nach Lüneburg, musste in zwei Teile zerlegt werden, ein Kran hob die „Kempewerk Andruckpresse“ schließlich in die Druckwerkstatt der KulturBäckerei. Dort wurde die tonnenschwere Maschine wieder zusammengeschraubt, dort kann nun endgültig mächtig Druck ausgeübt werden – auf mehreren Druckerpressen aus Künstlerhand.

Seltsamkeiten mit Seltenheitswert

Könnte die „Kempe“ erzählen, es ginge viel ums Schlucken und Drucken. Über ihre Walze liefen unzählige Blätter der legendären Werkstatt Rixdorfer Drucke. Das mit dem Schlucken und Drucken schrieb der Spiegel schon 1966, da hatten die Rixdorfer sich schon einen einschlägigen Ruf erwirtschaftet. „Ihre Erzeugnisse aus einer alten Schnellpresse gelten als bibliophile Seltsamkeiten von Seltenheitswert“, so der Spiegel vor 54 Jahren. Was 1959 in der Kreuzberger Oranienstraße begann, setzt sich 1974 in Gümse im Wendland fort. Ins Wendland zogen zu der Zeit viele eingemauert in Berlin lebende Künstler. Der „Rixdorfer“ Uwe Bremer machte einen Herrensitz, „Schloss Gümse“, zum Sitz der Kunst. Die Kempe-Presse kam mit.

Sie stammt aus Nürnberg. Das Kempewerk baute seit 1883 Dampfmaschinen, 1908 eine erste Bogen-Tiefdruckpresse, entwickelte sich zur Spezialmaschinenfabrik für Stereotypie, Chemigraphie, Galvanoplastik, Buchdruck-Schnellpressenbau und Buchdruckerei-Bedarf. Gründer Carl Kempe schrieb ein Grundlagenwerk für Drucker: „Die Papierstereotypie“; die University of Chicago stellte ein Faksimile der Ausgabe von 1898 ins Netz.

In Gümse gab es legendäre Druck-und-Schluck-Treffen der vier Rixdorfer. Die Überlebenden Uwe Bremer, Albert Schindehütte und Josef Vennekamp bringen heute zusammen 245 Jahre aufs Papier. Mitdrucker Arno Waldschmidt starb vor drei Jahren. Immer verband ihre Kunst auf plakative, hintersinnige, gern provozierende und ebenso gern absurde Weise Text, Typographie und Grafik. In Gümse entstanden unter anderem Kalender, Bilderbögen, Grafikmappen, Flugblätter und Buchillustrationen. Bis heute können die Rixdorfer als eine Art Anarcho-Avantgarde für Pressendrucker gelten.

Ein Hinterhof an der Potsdamer Straße

Für die Rixdorfer texteten 66 Autoren, darunter H.C. Artmann, Peter Bichsel, Sarah Kirsch und Peter Rühmkorf. Zu den Gümse-Treffen pilgerten Kollegen wie Horst Janssen, kamen Politiker von Gerhard Schröder bis Rudi Dutschke, Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt und Wolfgang Neuss.

Als Uwe Bremer von „Schloss Gümse“ zurück nach Berlin zog, kam die Presse mit. „Die Werkstatt Rixdorfer Drucke ist nach über 40 Jahren zurück in Berlin“, freuten sich 2017 die „Lettertypen“ auf ihrer Homepage (www.lettertypen.de). Neuer Standort war ein Hinterhof an der Potsdamer Straße, in dem Erich Spiekermann eine große Werkstatt-Galerie unter dem Namen P98a betreibt. Spiekermann gilt als einer der bedeutendsten Typografen der Gegenwart. Im Vorderhaus hatten Uwe und Ingrid Bremer eine Wohnung samt Atelier bezogen.

Nun soll nach kurzer Berliner Zeit die KulturBäckerei der letzte Standort der Presse sein. An der Potsdamer Straße wurde nur selten gedruckt, aber war Miete fällig. Es lohnte nicht. Lüneburg passt als Standort, da die Rixdorfer ihre Kunst ohnehin vom Kunstarchiv der Sparkassenstiftung bewahren lassen. Auch das eigene, von der Künstlergruppe unabhängige druckgraphische Werk von Schindehütte und Bremer wurde dem Kunstarchiv anvertraut.

Die schon historische Presse beherrscht nun samt Setzschränken und ihrem unsortierten Schubladen-Chaos aus Buchstaben, Zahlen, Ornamenten die Druckwerkstatt der KulturBäckerei. Enno Wallis und Johann Bruhn von der KulturBäckerei haben die Presse wieder zusammengefügt und „druckreif“ gemacht.

Die Technik der Lettertypen

„Nichts ist so modern wie die Technik von gestern“, heißt es auf der Homepage der Lettertypen. Das gilt nicht nur für die Kempe-Maschine. Weitere, kleinere handbetriebene Pressen von Künstlern wie Wolfgang Werkmeister, Manfred Besser und Gerhard Fietz sowie eine aus der Zeit der Pädagogischen Hochschule Lüneburg gehören zur Sammlung.

Die Druckwerkstatt in der KulturBäckerei soll kein Museum sein. „Sie soll leben“, sagt Carsten Junge, Geschäftsführer der Sparkassenstiftung. So ziemlich alles außer Siebdruck lasse sich in der Werkstatt erstellen. Kurse in kleinen Gruppen fanden statt und sind nach Corona geplant. Dafür kommt in der Regel der Hamburger Künstler und Drucker Peter Fetthauer, der für Horst Janssen, Paul Wunderlich und viele andere tätig war.

„Gott grüß die Kunst“ heißt es seit 280 Jahren, wenn sich Jünger der schwarzen Kunst treffen. Die Rixdorfer als älteste Boy­group der deutschen Kunst sollen hier, so die Absicht, ein letztes Mal in den Setzschränken kramen. Der Schluck beim Druck ist heute kein großes Thema mehr. Das, was aus der Walze läuft, bleibt.

Von Hans-Martin Koch