Dienstag , 21. September 2021
Dietger Luckow vor einem seiner 30 Werke, die derzeit in der Kulturbäckerei zu sehen sind. (Foto: t&w)

Die Kunst bleibt bei sich selbst

Lüneburg. Die Titel sind Programm. Nummer eins heißt „Zwei Farbtücher mit Blautürkisdominanz“, bei Nummer zehn ist es die „Blauschwarzdominanz“, und bei der zwanzig geht es um eine „Weißgelblichgraudominanz“. Die Farbe macht das Bild, braucht das Material Acryl/Nessel, und die Methode lautet: Immer wieder falten, glätten, tränken, pressen, laufen lassen, trocknen und was sich noch anstellen lässt mit Farbe, die sich auf ein Tuch ergießt. Dietger Luckow lässt seine Farbtücher in langsamen Prozessen reifen und hat die Technik über viele Jahre perfektioniert. Jetzt ist dem Künstler eine große Ausstellung in der Kulturbäckerei gewidmet.

Es schwingt etwas Sentimentales hinein

Es wird der 80. Geburtstag in diesem Jahr sein, der Dietger Luckow dazu gebracht hat, seiner Ausstellung einen nicht rein sachlichen Namen zu geben. Seine Werkschauen liefen in der Regel einfach unter seinem Namen oder wiesen auf seine Technik hin, etwa „Chronikalische Strukturen“ 1990 beim Kunstverein in der Galerie Enno Becker, „Am Anfang steht das Chaos“ 1999 im Kulturforum und ebenda 2010 „Gesetz und Zufall“. Jetzt aber heißt es „Gewesen – Sein – Werden“. In das Wort-/Gedankenspiel schwingt etwas Sentimentales und Persönliches hinein, aber auch ein Hinweis auf eine philosophische Unterfütterung der Luckowschen Kunst.

Jede Narration aber, jede Deutungsvorgabe, jede Botschaft ist Dietger Luckows Kunst fremd. Das dokumentieren jetzt 30, überwiegend großformatige Arbeiten aus gut 35 Jahren. „Es sind konkrete Bilder. Punktum: Farbe und Struktur. Das ist die Aussage“, lautet die Quintessenz des Kunstkollegen Anton Bröring, der zur Austellungseröffnung hätte sprechen sollen. Aber die konnte wegen der Corona-Schließung nicht stattfinden. Die Ausstellung hing, musste warten. Nun ist sie geöffnet und läuft bis zum 21. Juni.

Systematik, Ordnung und Zufall

Es gibt wenige Künstler, die so beharrlich und konsequent wie Dietger Luckow einem Weg folgen und sich dabei nicht in Beliebigkeit verlieren. Systematik, Ordnung und Zufall sind seit 1975 entscheidende Komponenten des Prozesses, in dem die Bilder oder besser Bildobjekte entstehen. An die hundert sich in Variationen wiederholende Arbeitsgänge können dem Ergebnis vorausgehen. Irgendwann stoppt Luckow den Prozess, letzter Schritt ist das Zusammennähen der Farbtücher. Dem Betrachter bleibt, sich in Farbintensität, Strukturen, Farbverläufen und -krusten zu verlieren. Es lässt sich über das reine Bildschaffen reden, aber es geht auch etwas Meditatives von den Bildern aus.

Die frühen Bilder waren anders. Luckow schuf vor den Farbtüchern, die sein künstlerisches Leben bestimmen sollten, Schriftbilder, die sich nicht entziffern lassen. Wie auf strenger Linie laufend überdecken sich darin Schriftvorgänge. „Durch das Überlagern der Schriften sind diese Bilder nicht als lesbare Dokumente mit verwertbaren Informationen gedacht, sondern einzig und allein als Strukturbild“, sagt Anton Bröring. Von „chronikalischen Strukturen“ spricht Luckow. Das Auge liest in diesen Bildern, aber vorzulesen gibt es nichts. Die Kunst bleibt bei sich selbst.

Von Hans-Martin Koch