Samstag , 19. September 2020
Praktikant Paul Herrig baut vorsichtig eine Orgelpfeife aus. Foto: t&w

Frischekur für 3500 Pfeifen

Lüneburg. Wer mit Pfeifen zu tun hat, ist eigentlich nicht zu beneiden. Tino Herrig freut sich jedenfalls über jede einzelne, denn bei ihm geht es nicht um unfähige Zeitgenossen, sondern um Orgelpfeifen. Und zwar die der Großen Orgel von St. Michaelis, zurzeit jedenfalls. 3500 sind es, die der Spezialist und sein Team ausbauen.

Die Orgelbaufirma Scheffler aus Sieversdorf bei Frankfurt/Oder ist mit der Generalüberholung des gut 300 Jahre alten Großinstruments beauftragt. Rund acht Wochen wird die Reinigungsaktion in Anspruch nehmen. In mehreren Tranchen werden die Pfeifen der Orgel Register für Register in die Werkstatt gebracht. Auftraggeber ist die Klosterkammer Hannover, Eigentümerin der einstigen Klosterkirche samt ihrem fest eingebauten Inventar. 70.000 Euro kostet die Pflegemaßnahme. Es handele sich um einen mittelgroßen Eingriff, im Gegensatz zur Wartung, die etwa alle zwei Jahre erfolgt, erläutert Kantor Henning Voss. Die Große Orgel von St. Michaelis ist 1708 von Matthias Dropa, Schüler und Mitarbeiter des berühmten Orgelbauers Arp Schnitger, fertiggestellt worden. Da war Johann Sebastian Bach schon wieder weg. Das Komponistengenie, von 1700 bis 1702 Schüler des Michaelisklosters, konnte das Instrument also nicht ausprobieren.

Instrument ist stets bespielbar

Vor 21 Jahren wurde die Orgel, die im Laufe der Jahrhunderte mehrmals dem Klangempfinden der jeweiligen Epoche angepasst worden war und sich heute als eine historisch gewachsene Universalorgel präsentiert, letztmalig restauriert. Daran erinnert sich Tino Herrig, Orgelbauer der Firma Scheffler, noch sehr gut. Auch bei den Wartungen war er meist dabei. Bau- oder Lageplan, Numerierung – nicht nötig. Tino Herrig kennt die Orgel so gut, dass er auch so weiß, wo welche Pfeife hingehört, sagt er so ganz nebenbei. Sein Sohn Paul nickt bestätigend. Das Abi in der Tasche, assistiert er seinem Vater vorübergehend als Praktikant.

Die Arbeiten sind so organisiert, dass das gigantische Instrument stets bespielbar ist, etwa ein Drittel bleibt stehen. Herrig ist Spezialist für den klanglichen Bereich und freut sich schon auf das Stimmen und die Intonierung.

Zu- und Abnehmen der Klangstärke

Die Pfeifen werden dort mit einem Kompressor durchgepustet und so von Staub und Schmutz befreit, gegebenenfalls werden Beulen ausgedellt. Beulen? „Ja, die können entstehen, wenn jemand dagegen stößt“, erklärt der 52-Jährige. Vor Ort in St. Michaelis werden bewegliche Teile und Dichtungen der Orgel überprüft und bei Bedarf erneuert, ebenso die Pfeifenrasterbretter, Lochleisten, in denen die Pfeifen stehen. Die kleinste Pfeife ist mit Fuß etwa 15 Zentimeter lang, die größte fünf Meter, unglaublich. So eine Orgel ist ein gigantisches Gebilde. Die Pfeifen der 51 Register verteilen sich über mehrere Stockwerke, die über schmale Leitern zu erreichen sind. Werke nennt man die einzelnen Baugruppen, das Oberwerk bildet den höchsten Punkt der Orgel. Hier in St. Michaelis umfasst das Instrument die Register von drei Manualen und einem Pedalwerk. Ein Schweller, eine Art Vertikal-Jalousie aus Holz, lässt sich per Fußpedal öffnen und ermöglicht ein stufenloses Crescendo beziehungsweise Decrescendo, also Zu- und Abnehmen der Klangstärke. Ab und zu stimmt Kantor Voss die Pfeifen auch selbst. „Einige Register sind so laut, dass man Ohrstöpsel tragen muss“, erklärt er. Eines seiner Kinder sitzt dann unten an der Klaviatur und schlägt den Ton an, damit der Papa den Klang justieren kann.

Kantor Voss, der nicht nur für die Musik an St. Michaelis, sondern auch für den Kirchenkreis zuständig ist und nebenberufliche Kirchenmusiker ausbildet, freut sich schon darauf, die renovierte Orgel wieder spielen zu dürfen und feilt an einem Wiedereinweihungskonzert. Das soll am 27. Juni stattfinden. „Es wird ein Gesprächskonzert mit Videobegleitung. Das Publikum wird quasi mitgenommen in die verschiedenen Bereiche und Etagen des imposanten Instruments“. Und sicherlich überzeugt, dass Pfeifen durchaus großartig sein können.

Von Dietlinde Terjung