Die Geschwister Inga und Eggo Fuhrmann leiden unter finanziellen und künstlerischen Entzugserscheinungen. (Foto: t&w)

Zwei von vielen – die Fuhrmanns

Embsen. Das Programm lautet: „Gemeinsam singen, tanzen, lachen, lernen …“ Aber jetzt sitzt die Sängerin und Musikpädagogin Inga Fuhrmann allein in ihrem Musikgarten am Querlberg in Embsen und stützt sich aufs Akkordeon: „Wir haben davon gelebt.“ Zum Abstands-Kaffee gekommen ist, nebenan aus Melbeck, ihr Bruder Eggo, der Gospelmann. Dirigent mehrerer Chöre, Workshop-Dozent, Pianist, Beschallungstechniker… Nichts läuft. „Das tut richtig weh“, sagt er. Jetzt trinkt er Kaffee und dann noch einen Kaffee.

Sie sind zwei von vielen freien Musikern

Die Fuhrmanns sind zwei von so vielen freien, selbstständig arbeitenden Musikern, die plötzlich verstummen mussten. Sie alle können nun Strophe um Strophe Klagelieder anstimmen, aber sie haben auch dafür kein Publikum. Keine Konzerte, keine Kurse, keine Proben. Eggo Fuhrmann (55) tingelt normalerweise zwischen Stormarn und Braunschweig, vor allem aber zwischen Adendorf, Lüneburg und Reppenstedt zu seinen Chören. Jetzt verschickt er per Dropbox Stimmübungen, das war’s.

Pech: Vier Monate musste Inga Fuhrmann wegen einer üblen Fußgeschichte aussetzen. Eigentlich bedient die 49-Jährige in der Woche zwölf Kurse in Kitas quer durch den Landkreis. Das wäre gerade wieder richtig losgegangen. Ganz zu schweigen von der musikalischen Früherziehung bei ihr. Wenigstens Einzelunterricht müsse doch wieder möglich sein, sagt sie. Auch als Sängerin feilte Inga Fuhrmann an Projekten. Zwei Musiktheaterproduktionen im Kleinstformat hat sie als Kooperation ihres Musikgartens mit Jutta Borowskis Neetzer Zauberland Musik vorbereitet. Aber, um Rio Reiser zu zitieren: „Zauberland ist abgebrannt…“

Ein bisschen verdient Inga Fuhrmann hinzu, „ich bin ja auch qualifizierte Tagesmutter.“ Aber das langt nicht. Sie fürchtet um den „Notgroschen“, den sie für die Kinder angespart hat. Er könnte in vier Monaten weggezehrt sein. Das macht sie sauer und führt sie zur Frage, warum keine Kreativen dabei sind, wenn es um Exitstrategien aus dem Lockdown geht.

Was macht eine Shoppingmall sicherer als ein Museum?

Darüber, wie es um die Systemrelevanz der Kultur steht, machte sich in einem Interview der Leuphana der Kultursoziologe Volker Kirchberg grundsätzliche Gedanken. Er sagt, zum Verstehen der Bedeutung von Kultur „würde es schon helfen, wenn man sich vorstellt, wie die Pandemie gesellschaftlich verlaufen wäre, wenn es keine Kultur, also keine Serien, keine Filme, keine Musik, keine Bücher und Zeitschriften gäbe. Trotzdem wird jetzt die Öffnung von Einkaufszentren und Baumärkten als zunächst relevanter als die von Kulturstätten angesehen. Was macht eine Shoppingmall aber sicherer als ein Museum?“

Die Fuhrmanns und all ihre Kollegen werden dem zustimmen und können nur warten. Oder wenigstens im vorgegebenen Rahmen kreativ werden. „Ich habe mich jetzt als singendes Telegramm angeboten“, sagt Inga Fuhrmann. Einen Gruß hat sie schon gesungen. Kann sie singen oder wird wenigstens darüber berichtet, hellt sich ihre Stimmung auf. Bei allen Sorgen wird es so im Gespräch manchmal gar nicht klar, ob die finanzielle Not oder die künstlerische schwerer wiegt.

Was macht ihnen Mut in diesen Tagen? Eggo Fuhrmann: „Es ist die Erfahrung des Zusammenhalts. Zum Beispiel die Solidarität der Chöre, die mich trotz fehlender Probenarbeit weiter bezahlen.“ Inga Fuhrmann zieht den Kreis enger: „Meine Kinder, mein Lebensgefährte. Wir kommen uns durch die Krise noch näher. Das tut uns gut.“

Von Hans-Martin Koch