Donnerstag , 24. September 2020
Das KulturRausch-Kernteam bilden (vordere Reihe) Clara Rump, Moritz Benedix, Paulin Schwarze, Johannes Leidenbach, (Mitte) Ulla Mußler, Dorothee Grafe, Lisa Harder, (obere Reihe:) Pia Künckeler, Katharina Quest, Carolin Mackert, Christina Stadler, Merit Meurers. (Foto: KulturRausch)

Szenario für den Herbst

Lüneburg. Das Programm stand, der Termin war festgezurrt, der Spielort festgelegt, das Plakat entworfen. „Szenario“ heißt das zweitägige Festival für darstellende Künste, das nun nicht stattfindet. Erfunden und geplant hat es der studentische Verein KulturRausch für Mai. Entmutigen lässt sich das Team nicht, der neue Termin lautet 24./25. Oktober.

KulturRausch behauptet sich im Gegensatz zu vielen in der Leuphana geborenen Initiativen und Vereinen schon über mehrere studentische Generationen. Der Verein versteht es seit zehn Jahren, sich beizeiten zu erneuern, neue Mitglieder einzubinden, neue Ideen umzusetzen. Das klappt unterschiedlich gut, akuell sehr gut. Eigentlich ist KulturRausch noch älter, der Vorgänger Tritonus vermittelte seit Ende der 80er-Jahre vor allem Konzerte mit Klassik und Jazz.

Ein bisschen Risiko gehört einfach dazu

Mit dem neuen Namen KulturRausch öffnete sich das Konzept. Musik blieb und bleibt, hinzu kamen Poetry Slam, eine Pop-Up-Gallery, ein Diskoflohmarkt und einiges mehr. Etwas zu riskieren gehört einfach dazu. „Szenario“ stellt mit dem ganzen Drumherum die größte Herausforderung dar.

Eines eint alle KulturRausch-Aktivitäten: „Es liegt uns am Herzen, verschiedene Publika anzusprechen“, sagt Lisa Harder vom Team. „Wir wollen das städtische und das studentische Publikum erreichen. Das gelingt und meistens ganz gut.“ Damit das klappt, verlässt der Verein gern das inselartige Uni-Gelände. KulturRausch brach in den vergangenen Jahren zu vielen Spielstätten auf: Das mosaique, der Kunstsaal, das Restaurant Einzigartig, der Salon Hansen, das AStA-Wohnzimmer, das Café Klatsch und viele Orte mehr wurden bespielt und werden es zum Teil wieder – sobald es denn erlaubt ist.

Für den Herbst nimmt sich das runde Dutzend aktiver Studentinnen – Männer sind Mangelware – neben dem Theaterfestival nur ein Konzert vor: „Tiflis Transit“ am 6. November im Café Klatsch. Sonst sind Zeit, Kraft und Kreativität auf das Theaterfestival fokussiert. Vorwiegend studiert das Team Kulturwissenschaften; das Planen und Durchführen von Veranstaltungen bietet die ideale praktische Ergänzung zum Studium.

Das fürs Frühjahr geplante „Szenario“-Programm bleibt nahezu gleich. In den Stücken geht es oft um Fragen von Identität, Heimat und Rassismus, ein weiterer Schwerpunkt ist feministischen Positionen gewidmet. „Die Künstler waren sehr froh, dass wir das Festival nicht abgesagt, sondern verschoben haben“, sagt Lisa Harder. Künstler gerade der freien Szene sind für jeden Hauch Hoffnung auf Arbeit dankbar.

Das Museum als Kooperationspartner

Da die Verträge noch nicht endgültig sind, bleiben Namen der Auftretenden noch tabu. Aber aus Lüneburg wird wohl Thomas Ney dabei sein, und mindestens eine Schulproduktion soll eingebunden werden. Geplant sind zudem zahlreiche Workshops, einen wollten jetzt im Mai Tülin Pektas und Jan-Philip Walter Heinzel vom Theater Lüneburg anbieten.

KulturRausch hat für sein „Szenario“ das Museum Lüneburg als Kooperationspartner im Boot. Das Museum soll am letzten Wochenende der Herbstferien in mehreren Sälen bespielt werden. Weiterer Spielort könnte die Aula der Oberschule Stadtmitte sein. Ganz wichtig fürs Gelingen: Die Förderung des Festivals durch den Förderfonds Soziokultur und durch den Lüneburger Landschaftsverband bleibt auch mit dem neuen Termin bestehen.

Vor „Szenario“ gab es schon einmal in jüngerer Zeit ein studentisches Theaterfestival-Projekt. Das stellte die seit rund drei Jahren nicht mehr bestehende Initiative „Zum Kollektiv“ zweimal auf die Beine, allerdings open air im Herzen der Stadt. „Szenario“ knüpft da an, aber mit neuen Mustern. Denkt KulturRausch auch über ein erstes Festival hinaus? „Bisher nicht, aber ich kann es mit eigentlich gut vorstellen“, sagt Lisa Harder. 40 bis 50 Bewerbungen von Einzelkünstlern und Gruppen habe es für „Szenario“ gegeben. Eine Auswahl zu treffen, sei schwer gewesen.

Bleibt abzuwarten, ob Corona es erlaubt, nach dem Sommer die Türen zu Theater und Konzert aufzuschließen. Gelingt das nicht, wird die kulturelle Welt eine andere sein, eine ärmere.

Von Hans-Martin Koch