Mittwoch , 28. Oktober 2020
Miss Allie ist in der Corona-Krise kreativ geworden. Foto: A/laukat

Sie hilft sich und anderen

Lüneburg. 16 Konzerte im April fielen weg, in den kommenden Monaten wird es noch nicht anders sein. Miss Allie, die Singer-Songwriterin aus Lüneburg, hat bis Ma i 2021 Konzerte im Kalender stehen. Viermal trat sie jetzt trotz Corona mit vollem Programm auf – online im „Streaming-Studio“ und das mit Erfolg und dem schönen Effekt, dass ein Batzen Geld für Kulturschaffende in Not zusammenkam.

Miss Allie ist keine Künstlerin, die Dinge aussitzt und lange Frust schiebt. Sie wird in der Krise kreativ. In Hannover richtete sie mit einem kleinen Team ein temporäres Studio ein und spielte nun über ihren YouTube-Kanal vier Konzerte. Um das möglich zu machen, startete sie zuvor über Startnext ein Crowdfunding, die Kampagne läuft weiter bis zum 15. Mai.

Als Zielsumme hatte die Musikerin 10.000 Euro genannt. Damit könne sie neben der technischen Ausstattung für die Online-Konzerte auch die Mitarbeiter bezahlen, schrieb sie. Fließe mehr Geld in den Pott, solle das in Not geratenen Kulturschaffenden helfen. Bis jetzt erbrachte das Crowdfunding 20.435 Euro. „Mega nice“, lautet Miss Allies Kommentar.

Bis jetzt erbrachte das Crowdfunding 20.435 Euro

Die 29-Jährige stammt aus Mecklenburg, kam zum Studieren nach Lüneburg. Ihren Master in Kulturwissenschaften machte sie mit einer Arbeit über Singer-Songwriter im 21. Jahrhundert. In dem Genre hat sie nun selbst einen festen Platz eingenommen. Das Miss-Allie-Konzept als „kleine Singer-Songwriterin mit Herz“ kommt an. Sie gibt sich niedlich, ihre auf bisher drei Alben dokumentierten Lieder können liebevoll sein. Oft aber wirken sie nur äußerlich so, setzen sich auf satirisch bis sarkastische sowie provozierende Weise mit Themen wie Sexismus auseinander.

Neben einem vollen Tourkalender bekam die Musikerin allein im vergangenen Jahr vier Auszeichnungen, etwa Publikumspreise beim First Ladies Kabarettistinnenpreis des WDR und beim Hessischen Kabarettpreis. Dazu kamen erste Plätze beim NDR Comedy Contest (Goldene Limette) und bei der Tuttlinger Krähe, einem der prominenten Kleinkunstpreise in Deutschland, dotiert mit 6000 Euro. 2020 geht das weiter, so gab es eine Auszeichnung bei der Dresdener Humorzone.

Coole neue Cover-Songs gelernt

Mittlerweile wird Miss Allie häufig in TV-Sendungen eingeladen. Der WDR drehte ein Porträt, strahlte ein Konzert aus. Bei populären Sendungen wie „Nightwash“ trat sie auf, ebenso auf 3sat bei Sebastian Puffpaff.

Online-Konzerte waren eine neue Erfahrung. Ihr Fazit: „Ich hab so coole neue Cover-Songs gelernt und auch mal ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, ganz ohne Publikum vor Kamera ein Konzert zu spielen, mit dem Chat zu interagieren und eine Fragestunde zu geben.“

Jetzt wird sie Kollegen mit dem Crowdfunding-Geld helfen und jongliert mit ihrem Tourplan. Das ausverkaufte Bonner Konzert am 1. Mai wurde verlegt, abgesagt wurde das SW3 Comedy Festival usw. Es ergeht ihr nicht anders als allen selbstständigen Kulturschaffenden.

Von Hans-Martin Koch