Montag , 26. Oktober 2020
Die Republik im Wald wurde schnell zum Ausflugsziel Neugieriger. Foto: Wendland-Archiv

33 Tage lebten sie eine Utopie

Gorleben. Der Kampftag der Wenden fand am 3. Mai statt und konzentrierte sich auf die Tiefbohrstelle 1004. Sie führte hinunter zum Salzstock, der Atommülllager werden sollte. Das Wendland als strahlende Resterampe: Das erboste vor 40 Jahren die Bauern im Wendland, sie setzten Jauche gegen Bohrer ein. Der Protest zog schnell Atomkraftgegner von Nord bis Süd an und führte an jenem 3. Mai vor 40 Jahren zu einem Projekt, das Rosa Hannah Ziegler als „gelebte Utopie“ bezeichnet. 33 Tage Republik Freies Wendland lässt Ziegler in einem Radiofeature Revue passieren. Es ist am Sonnabend, 2. Mai, im Deutschlandfunk zu hören.

Rosa Hannah Ziegler, geboren 1982, aufgewachsen im Wendland, 60 Einwohner. Sie lebt in Berlin, ist Filmemacherin. Sie dreht Dokumentationen, für „Du warst mein Leben“ bekam sie 2018 den Grimme-Preis. Produziert wurden ihre Filme in der Regel von der Wendländischen Filmkooperative, zu deren Gründern Roswitha Ziegler zählt, wie die Tochter eine Filmemacherin mit kritischem Blick auf die Welt, in der sie lebt.

120 Hütten aus Holz und Lehm

Ihre Mutter bzw. deren siebter, noch in diesem Jahr kinoreifer Gorleben-Film sei Auslöser für ihre eigenen Recherchen gewesen, sagt Rosa Hannah Ziegler. In dem Film geht es um die Ausgrabungen, die der Archäologe Attila Dészi 2017/18 bei Trebel auf der Waldlichtung der Republik Freies Wendland leitete.

5000 Atomkraftgegner waren am 3. Mai 1980 zum Kampftag der Wenden gekommen, aus dem das Hüttendorf samt Ausrufung der basisdemokratischen Republik hervorging. Sprecherin war Rebecca Harms, später 15 Jahre Europaabgeordnete der Grünen. Auf einer Fläche von etwa 300 x 400 Metern wurden nach Rundlingsvorbild rund 120 Hütten aus Holz und Lehm gebaut, dazu ein achteckiges, 400 Menschen fassendes Freundschaftshaus. Küche, Kirche, Friseur, Mülldeponie, Sauna, Windenergie, Solarduschen – alles da, wenn auch improvisiert.

Beim Bau und bei der Energie sieht manches im Rückblick wegweisend aus. „Vieles, was dort geschah, wirkt bis heute“, sagt Rosa Hannah Ziegler. 1980, das ist auch das Jahr, in dem ökologisches Denken Partei wurde. Die Grünen starteten aus der Anti-Atom- und Umweltschutzbewegung heraus.

Sympathisanten, Neugierige, Promis

In der Woche lebten rund 500 vorwiegend junge Menschen eine „konstruktive Utopie“, so Ziegler. Ein eigener Pass wurde gedruckt, für zehn Mark gab es ihn samt Einreisestempel. Radio Freies Wendland ging am 18. Mai auf Sendung, Mitglieder von Hannah Rosa Zieglers Familie moderierten beim Piratensender. „Ich arbeite auch eigene Geschichte auf“, sagt die Filme- und Radiomacherin zu ihrem Feature.

An den Wochenenden schwoll die Republik auf rund 5000 Menschen an. Sympathisanten, Neugierige, Promis. Der Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder reiste mit 300 Jung-Genossen an, Wolf Biermann sah sich um, Liedermacher Walter Mossmann und Fotograf Günter Zint solidarisierten sich. Von Zint erschien noch 1980 eine mit Caroline Fetscher erstellte Dokumentation zur Wendland-Republik. Als deren Mitbürger fotografierte er auch die Räumung am 4. Juni.

Der bis dahin wohl bundesweit größte Polizei-Einsatz blieb weitgehend friedlich. Rund 6000 Polizisten wahrten das Gesetz, rund 2500 Atomkraftgegner bewahrten ihren Traum. Dann rollten Bagger und Bulldozer. Am Morgen danach war das Gelände wüst und leer und mit Stacheldraht gesperrt. 33 heiße Tage waren Geschichte. Das Wappen der Republik Freies Wendland, grün mit Sonne im Zentrum, zirkuliert als Aufkleber weiter, vertrieben von der BI Lüchow-Dannenberg.

Als archäologische Fundstätte katalogisiert

Die Geschichte wirkt weiter. 2017 kam Attila Dészi, der Archäologe. Sediment um Sediment hoben Studenten Schichten ab, fanden Matratzen, Spielkarten, Töpfe, gesplitterte Fensterrahmen, lauter Alltagsgegenstände, auch eine vollständige Hütte ließ sich dokumentieren. „Diese Art der zeitgeschichtlichen Archäologie ist im Unterschied zu vielen anderen Ländern in Deutschland nicht populär“, sagt Rosa Hannah Ziegler. Dészis Projekt, entstanden im Rahmen eines Promotionsstipendiums, gilt hierzulande als erstes dieser Art.

Das Hüttendorf ist nun als archäologische Fundstätte katalogisiert. Die wendländische Anti-Atom-Bewegung ist auch virtuell verzeichnet: Ihre subversive Kreativität lässt sich bei Google Maps beobachten. Wer die Freie Rebublik Wendland sucht, bekommt ihren Standort zwischen Trebel und Gorleben angezeigt und dazu den Hinweis „Vorübergehend geschlossen“.

Für ihr Spurensuche-Feature „Ausgrabung einer Utopie“ befragte Rosa Hannah Ziegler natürlich den Archäologen, dazu viele Zeitzeugen, ihre Familie und junge Menschen, die heute im Wendland ein Leben nach ihren Träumen gestalten. Das Ergebnis, knapp eine Stunde lang, wird vom Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Von Hans-Martin Koch