Donnerstag , 29. Oktober 2020
Zur Premiere im Lüneburger Union-Kino kamen unter anderem Charlotte Rampling und ihr Mann, Filmkomponist Jean-Michel Jarre, begrüßt von Oberbürgermeister Heinz Schlawatzky. (Foto: Archiv)

Virus versetzt Lüneburg in Panik

Lüneburg. Es ist unheimlich. Ein Virus, das keiner kennt, schlägt in Hamburg zu. Menschen erkranken, sterben. Alle, die mit ihnen in Kontakt waren und sei es auch nur ein Verdacht, werden in strenge Quarantäne gesperrt. Es werden immer mehr. Die Medien sprechen von der „Hamburger Krankheit“. Die Stadt schließt ihre Tore. Menschen flüchten, schlagen sich nach Süden durch, erreichen Lüneburg, aber die Stadt ist schon abgeriegelt. So war es 1979. „Die Hamburger Krankheit“, ein in großen Teilen in Lüneburg gedrehter Film von Peter Fleischmann, erzählt von einem Virus, das die Welt aus den Angeln hebt.

Auslöser für den Film war der „Club of Rome“

Der Regisseur, heute 82 Jahre alt, lebt bei Berlin und erinnert sich an die Umwege, die zum Film führte. Auslöser war der „Club of Rome“. Der habe mit den „Grenzen des Wachstums“, erzählt Fleischmann am Telefon, angesichts der weltweit dramatischen Bevölkerungsexplosion vorausgesagt, dass es zu einer Katastrophe kommen werde, wenn es auf einem endlichen Planeten so weitergeht.

Mit Jean-Claude Carrière erfand Fleischmann in Athen, wo sie wegen eines anderen Projekts zusammenkamen, eine Filmidee. Ausgangspunkt: Wissenschaftler setzen zur Lösung des Problems ein künstliches, tödliches Virus an die Säulen der Akropolis. Die Idee blieb wegen anderer Arbeit noch liegen. Auf der griechischen Insel Paros, so Fleischmann weiter, habe wenig später in einem Gespräch ein Epidemiologe namens Feinstein ein Szenario entworfen: Wenn es ein Rattengift gäbe, mit dem alle Ratten getötet würden, dann würden doch einige wenige überleben, die nämlich, die abnorm sind. Sie würden das Rattenleben neu organisieren, auf eine neue Stufe heben. Anders gedacht: Ohne Katastrophen keine Entwicklung. Das ließ sich weiterspinnen, was schließlich zu einem Drehbuch führte, das Fleischmann nicht mit Carrière, sondern mit Otto Jägersberg und Roland Topor schrieb.

Dystopische, unaushaltbare Welt

„Wir wollten nicht die Zukunft voraussagen, wir wollten einen guten Science-Fiction-Film machen und ließen unsere Phantasie schweifen“, sagt Fleischmann. „Die Hamburger Krankheit“ zeigt eine dystopische, unaushaltbare Welt. Für deren Darstellung brach Fleischmann mit Seh- und Erzählkonventionen auf lustvolle, fast anarchische Weise. Der Film steckt voller Brüche. Die sympathische Hauptfigur etwa, ein junger, von Helmut Griem gespielter Arzt, stirbt mitten im Film, ein Verstoß gegen alle Bauregeln eines Dramas. Der Tod holt den Arzt in Lüneburg, einer Stadt, die in Panik und Aufruhr zu versinken droht, gedreht mit Hilfe einer im Oedemer Jägerhof eingeschworenen Masse an Komparsen. Verzweifelt versuchen die Behörden, die Seuche mit Impfungen in den Griff zu bekommen. Bald machen Krisengewinnler Geschäfte mit dem Verkauf von Schutzanzügen …

An die Dreharbeiten hat Fleischmann viele Erinnerungen, eine davon: „Da gab es doch so ein Atomkrankenhaus in Lüneburg.“ Gemeint ist das unterirdische Behelfskrankenhaus in Oedeme. „Das wurde uns als Dreh­ort empfohlen. Da werden wir wahnsinnig, dachten wir.“ Zu den Lüneburgern, die mitspielten, gehörte Kreisdirektor Reiner Faulhaber als Einsatzleiter des Katastrophenschutzes, eine Rolle, die er aus dem Leben kannte. Faulhaber: „Das war in dem Film alles wie ein Ernstfall gebaut. Ich weiß aber nicht mehr, was ich da angeordnet habe.“

Bevor der Arzt Sebastian, der Würstchenverkäufer Heribert, die introvertierte Ulrike und der auf einen Rollstuhl angewiesene Ottokar Lüneburg erreichen, passieren sie ein Dorf. An den Dreh in Kirchgellersen, am Kriegerdenkmal und auf seinem Hof erinnert sich Wilhelm Hövermann: „Auch in Kirchgellersen bekam ein flüchtiger Hamburger keine Antwort auf sein Rufen: Ist hier jemand? – Nur unser Schäferhund Alf konnte die Schnauze nicht halten und bellte in die gespenstische Stille. Ein Rentner, der mit seinem vollgepackten Fahrrad vom Einkaufen gekommen war, lag samt den Bardowicker Möhren tot auf dem Kopfsteinpflaster. Einer unserer Mitarbeiter war aus einer Heuluke gestürzt. Tot.“

Bis in die Nebenrollen prominent besetzt

„Es ist auch ein Film über Außenseiter in einer kranken Welt“, sagt Regisseur Fleischmann. „Die Hamburger Krankheit“ war bis in die Nebenrollen prominent besetzt. Neben Helmut Griem spielten unter anderem der Dramatiker Fernando Arrabal, Carline Seiser, Tilo Prückner, Ulrich Wildgruber, Ex-Kommunarde Rainer Langhans, Travestie-Star Romy Haag, Evelyn Künneke, Leopold Hainisch, Journalisten-Legende Peter von Zahn und Rosel Zech.

Zur Uraufführung war das Filmteam wieder in Lüneburg, im Union-Kino. In den zwei Sälen nebenan liefen „Häutet sie lebend“ und „Halloween – Die Nacht des Grauens“. Mit Fleischmann und vielen Darstellern kam Komponist Jean-Michel Jarre, der kurz zuvor in Paris das bis dahin größte Konzert aller Zeiten mit mehr als einer Million Besuchern gegeben hatte. Jarre wurde von seiner damaligen Frau Charlotte Rampling begleitet. Oberbürgermeister Heinz Schlawatzky wurde in der LZ mit den Worten zitiert, dass der Film Werbung für die Stadt machen werde. Da leisten die „Roten Rosen“ heute mehr. In der „Hamburger Krankheit“ ist eine Stadt aus Chaos und Tod zu sehen, durch die sich ein Trupp skurriler und verzweifelter Menschen bewegt.

So erfunden, wüst, absurd und surreal die „Hamburger Krankheit“ daherkommt, Fleischmann sieht aus dem Abstand heraus eine Art Parallele zur Corona-Pandemie im Nichtvorhersagenkönnen: „Ausgefallene Ideen haben eine größere Chance, in der Zukunft Realität zu werden als die wahrscheinlichen. Denn deren Wahrscheinlichkeit ist begrenzt durch das, was in der jeweiligen Gegenwart als naheliegend oder weithergeholt angesehen wird.“

Die Wahrnehmung auf künstlerische Arbeit

In diesen Tagen ist der Regisseur, der 1969 mit „Jagdszenen aus Niederbayern“ bekannt wurde, viel gefragt. Der französische Rundfunk machte eine Geschichte, ein großes Interview stand in der „Welt“. Dabei wird auch deutlich, wie sich die Wahrnehmung auf künstlerische Arbeit ändert. Denn zum Filmstart 1979 hagelte es neben einiger Zustimmung viele Verrisse, „Heillos“ überschrieb Hellmuth Karasek seine Kritik im „Spiegel“. Im vergangenen Jahr dagegen, noch vor Corona, wurde eine frisch restaurierte Fassung beim Hamburger Filmfest als „Kultfilm“ angepriesen. „Filme wie dieser altern relativ wenig“, sagt Peter Fleischmann zur Wiederentdeckung seines Werks.

Mittlerweile ist „Die Hamburger Krankheit“ als Stream zu sehen: https://vimeo.com/ondemand/diehamburgerkrankheit.

Von Hans-Martin Koch