Samstag , 19. September 2020
Die Elbphilharmonie im Lichte des Vollmonds und vielleicht auch mancher Mordgeschichte. Foto: Axel Heimken

Die tödlichste Stadt der Welt?

Hamburg. Es ist für Hamburg immer eine Schmach, bei einem Ranking hinter Hannover zu liegen. Hier vielleicht nicht: Geht es um die gefährlichste Stadt in Deutsc hland, liegt das als so bieder beleumdete Hannover auf Platz zwei. Hamburg kommt erst auf Platz sieben, besonders soll laut Statistik die Handtaschenräuberei an der Elbe sehr erfolgreich betrieben werden. Platz eins belegt Jahr um Jahr Frankfurt. Wer liest, muss aber unweigerlich zur Erkenntnis kommen: Nirgendwo in Deutschland wird so viel gemordet wie an der Elbe. Hamburg-Krimis gibt es wie Sand an der Övelgönner Strandperle.

Da sitzt mal ein nackter Toter auf dem Spielplatz, liegt eine skalpierte Nachtclubsängerin im Hafen, schwimmt ein Toter im Fleet, baumelt im Musical-Theater jemand. Es gibt aber auch Leichen außerhalb der Hotspots, in Wilhelmsburg, im Alten Land. Keine Ecke der Stadt, in der sich nicht ein derber Mord ansiedeln lässt.

Ermittlungen rund um den Kiez

Dass sich Hamburg als Tor zur Welt versteht, wird bei den Ermittlern deutlich. Simone Buchholz hat seit 2008 neun Fälle für die deutsch-amerikanische Staatsanwältin Chastity Riley ersonnen, eine trinkfreudige Frau mit Dauerkarte für den FC St. Pauli. Dass sie vornehmlich rund um den Kiez ermittelt, gibt der Sache Hamburg-Flair, zuletzt erschien „Hotel Cartagena“ (Suhrkamp).

Aus Tokio kam 2016 Kenjiro Takeda als Hospitant an die Elbe. Vier Fälle später ist der Saxophon spielende Mann mit dem langen Haar und der Liebe zum Jazz immer noch da. Zuletzt hat er mit dem HSV zu tun bzw. mit einem jungen japanischen Kicker, der im Volkspark brutal gemetzelt wurde. „Inspektor Takeda und das doppelte Spiel“ (atb) erschien im vergangenen August, geschrieben von Henrik Siebold, der im wahren Leben Daniel Bielenstein heißt und noch ein paar weitere Pseudonyme auf Lager hat.

Stefan Moses ist ein Kind Afrikas, wurde von einer reichen Hamburger Reedersfamilie adoptiert. Nun ist er Hauptkommissar und ein cooler Typ von Ermittler. In den Krimis von Ortwin Ramdan, zuletzt „Moses und das Mädchen im Koffer“ (Atrium), wird immer wieder fast beiläufig und geschickt Alltagsrassismus thematisiert. Auf der anderen Seite werden Frauen vom Autor zumeist erst einmal figürlich bewertet.

Kommissare, Bestatter und Pathologen als Ermittler

Viele weitere Ermittler stehen natürlich im Dienste der Polizei, etwa der smarte, mit einer DJane verbandelte Hauptkommissar Sebastian Fink, den Friedrich von Dönhoff zuletzt in „Heimliche Herrscher“ (Diogenes) in ein Wespennest schickte. Oder der hochsensible Kommissar Adam Danowski, den der mehrfach für Preise nominierte Till Raether zuletzt „Unter Wasser“ (Rowohlt) ermitteln ließ. Raethers „Blutapfel“ mit dem Mord im Elbtunnel wurde vom ZDF verfilmt.

Zu nennen wären noch die Kommissare Jens Kerner und Rebecca Oswald von Andreas Winkelmann (zuletzt „Die Lieferung“, rororo) oder die beiden Kommissarinnen Stella Brandes und Banu Kurtoglu von Regine Seemann (zuletzt „Elbleichen“, Gmeiner).

Dazu kommen die Berufsfremden, die ihre Nase in Mord und Totschlag stecken. Bei Christiane Fux ist es ausgerechnet ein Bestatter namens Theo Matthies – na ja, der Tod ist für ihn ohnehin Alltagsgeschäft. Im jüngsten Bestatterkrimi „Das Mädchen im Fleet“ (Piper) wird der kluge Theo beim Trauergespräch mit der Mutter einer jungen Sintimusikerin hellwach.

Bei Markus Kleinknecht stehen die Fotografin Charlotte Sander und der Reporter Jan Fischer im Mittelpunkt. Sie haben nicht nur Beziehungsstress. Ihr Arbeitgeber, das Harburger Tageblatt, wird eingestellt. Da ist Wahres dran, nur hieß die Zeitung anders. Bei den Recherchen zu einem 20 Jahre zurückliegenden Mord wird es in „Unbarmherzig“ (Ullstein) für die beiden brenzlig.

Klassischer Privatdetektiv

Dann wäre da noch der vom Pathologen zum klassischen Privatdetektiv mutierte Marten Hendriksen (zuletzt: „Martensen und der Tote auf hoher See“, dot.books). Autor ist Ole Hansen, ein Name, der förmlich nach Pseu­donym riecht und sich als Dr. Dr. Herbert Rhein erweist. Was auch nach Pseudonym klingt, ist es aber nicht, der Mann aus Wedel war 30 Jahre Luftwaffenoffizier, studierte Arabisch und Chinesisch… – und lässt gern morden. Ob er ein interessanter Fall für Tessa Ravens wäre? Nein, sicher nicht. Sie ist Psychotherapeutin, ermittelt im Auftrag von Autorin Angélique Mundt, zuletzt in „Stille Wasser“ (btb).

Wie oft in Hamburg-Krimis schon im Titel Wasser auftaucht, dazu wäre auch eine lange Recherche möglich, liefe viel Wasser die Elbe runter. Stattdessen ließe sich noch auf Anette Hinrichs’ Kommissarin Malin Brodersen hinweisen, auf die Kollegen Nielsen und Boateng (von Sandra Dünschede) oder auf Taler und Seefeld von Angela L. Forster, die ihre Fälle im Bereich Harburg und Altes Land ansiedelt – womit diese absolut unvollständige Übersicht zur mörderischsten Stadt Deutschlands beendet sein soll.

Wer will da noch glauben, dass es vor allem Handtaschenräuber sind, die Hamburg in der offiziellen Polizeistatistik gefährlich erscheinen lassen?!?

Von Hans-Martin Koch