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Ulli Schröder hat gerade ein bisschen Zeit. Das Café Klatsch bekommt neue Farbe, sonst bleibt alles beim Alten. Foto: t&w

Der Corona-Blues

Lüneburg. „Ja, komm’ rein“, sagt Ulli Schröder und streckt die Hand aus – „ach, geht ja nicht.“ Ulli Schröder ist ein freundlicher Mensch. „Sieht schlecht aus“, wird er gleich sagen. Es geht um Lüneburgs Musikszene und den Laden, der die Bands wie kein anderer begleitet, das Café Klatsch. Jetzt läuft der Corona-Blues.

Es ist wie überall. Es geht ums Durchhalten, ums Rechnen, ums Warten. „Ohne Live-Musik rechnet sich das hier nicht, um plus minus null rauszukommen“, sagt Schröder beim Abstandsgespräch im Klatsch-Garten. Die Gastro leidet überall, „die laufenden Kosten lassen sich nicht bedienen.“ Noch kann Ulli Schröder sein Team halten. Noch. Eine Festangestellte, fünf geringfügig Beschäftigte.

Es wird aufgeräumt

„Aber weißt Du“, sagt Ulli Schröder, „was mir auch richtig am Herzen liegt: Das sind die Musiker, die von ihren Auftritten leben, die kriegen jetzt nichts.“ Er denkt an Unplugged-Konzerte im Garten, online für Spenden. Ob das was bringen kann? Er selbst hat vergleichsweise Glück. Das Haus, das schon zu Zeiten von Sophus Dose Kneipe, Kegelheim und Musikerquartier war, hat er vor Jahren gekauft. Und er selbst will gar nicht groß Geld aus dem Klatsch ziehen. „Ich krieg’ ja Rente. Ich war in meinem Leben keinen Tag arbeitslos.“

Ulli Schröder hat nach Lehramt-Studium und Referendariat tags in der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet. Nachts im Café Klatsch, seit Januar 1984. Nicht jede Nacht, trotzdem mehr Nächte als gesund sind.

Die Sonne scheint an diesem Aprilmittag, Ulli Schröder sitzt im Kneipengarten, steckt sich eine Fluppe an, „zum ersten Mal nach vier Tagen“. Er schaut sich um. „Morgen hab’ ich das Laub hier raus. Das macht mir Spaß.“ Es wird aufgeräumt. Zeit ist ja da.

In der Kneipe sind die Wände nackt. Nur die Beatles neben dem mit Nikotin imprägnierten Tresenschrank schauen ins Leere. Über den Tischen wölben sich Planen. „Wir renovieren.“ Das ist gefährlich. Die abgewetzten Dielenbretter, die vom Alter gegerbten Tische aus der Provence, dazu die irgendwie irgendwann irgendwoher gekommenen Poster und Fotos, es liegt so eine 70er-Jahre-Patina auf allem. Sie streichen nun Farbe drüber, kratzen den Staub aus den Ecken. Sonst ändert sich nichts. Gut so.

Die Tage der Kneipe schienen oft schon gezählt

Das Publikum ist mit dem Klatsch, mit Ulli Schröder alt geworden. Veränderung, Styling ist da nicht angesagt. Die Tage der Kneipe schienen dennoch schon oft gezählt. Er ist nun 68. „Ja, weißt du, ich will hier ja nicht sterben. Ich will nochmal was anderes machen. Ich hab’ da eine Idee, sag’ aber nicht, was…“ Die Familie, also all die Stammgäste, hat ihn noch immer überredet, weiterzumachen, auch nach dem Tod des gefühlt ewigen Mitstreiters Werner Laatsch.

Die Klatsch-Familie hat außerdem Nachwuchs. „Die Studenten haben uns entdeckt. Ihnen gefällt das hier, wir sind eben anders.“ Mehrere Studie-Vereine wie KulturRausch bieten Veranstaltungen im Klatsch an – oder wollten das, bis Corona den Stecker zog.

Was wird aus dem Klatsch? „Wir werden die letzten sein, die wieder öffnen können.“ Das sieht schlecht aus. Live-Musik in engen Kneipen, das wird dauern. Hundert Leute passen ins Klatsch, dann ist die Luft dick, auch wenn nicht mehr gequarzt wird. An die 50 Konzerte laufen Jahr um Jahr im Klatsch. Viel Blues und alles, was rockt. Aber jetzt herrscht Ruhe. Der Corona-Blues.

Ohne Live-Musik lohnt sich das Klatsch nicht, hat Schröder gesagt. „Aber wie ich mich wieder kenne, werde ich auch ohne Musik aufmachen, wenn das wieder erlaubt ist.“ Die Familie, die noch jeden am Tresen adoptiert hat, wird ihn nicht im Stich lassen.

Von Hans-Martin Koch