Sonntag , 25. Oktober 2020
Lutz Seiler, hier bei einem Lüneburg-Besuch, hat seinen zweiten Roman vorgelegt. Corona verhindert seine für den 21. April geplante Lesung im Heine-Haus. (Foto: t&w)

Guerilla-Kampf im Keller

Lüneburg. Diese Trefferquote ist in der Tat beeindruckend: Zwei Romane hat Lutz Seiler bisher geschrieben, beide wurden mit hochkarätigen deutschen Literaturpreisen bedacht. Für seinen Hiddensee-Aussteiger-Roman „Kruso“ erhielt er 2014 den deutschen Buchpreis, für sein aktuelles Werk „Stern 111“ gab es vor wenigen Wochen den Preis der Leipziger Buchmesse.

Panorama der Wende- und Nachwendezeit

Kritiker jubeln, wenn Lutz Seiler ein neues Buch vorlegt. Und so gern Kritiker kritisieren mögen, gilt das auch für „Stern 111“ – das Werk ist einfach große Literatur. Der kräftig autobiographisch grundierte Roman zeichnet ein genaues und darüber hinaus bildhaftes, atmosphärisch dichtes und stimmiges Panorama der Wende- und Nachwendezeit von 1989 an.

Held des Romans ist Carl Bischoff. Am Tag nach dem Mauerfall verlassen seine Eltern die DDR, um sich einen alten Traum zu erfüllen. Sie hatten Carl eigentlich gebeten, als „Nachhut“ auf das Haus in Gera aufzupassen und somit das elterliche Erbe zu verwalten. Doch Carl entscheidet sich anders, steigt in Vaters penibel gepflegten Lada-Shiguli und fährt nach Berlin, ins Epi-Zentrum der Umwälzungen.

Ohne Bleibe und ohne Job, sieht man einmal vom Schwarz-Taxifahren ab, wird er dort vom „klugen Rudel“, einem bunt zusammengewürfelten Haufen aus mehr oder weniger radikalen Antikapitalisten, Träumern und Hausbesetzern, aufgenommen. Das kluge Rudel und Carl gründen die Kellerkneipe „Assel“ in Berlin-Mitte (diese hat es im Übrigen tatsächlich gegeben).

Carl und das Rudel

Dort wird getrunken, gefeiert, gehurt, geweint, gestritten, dort werden zwielichtige Geschäfte getätigt, dort wird der Guerilla-Kampf um leerstehende Häuser organisiert. Für Carl und das Rudel ist es quasi das U-Boot, mit dem sie durch die Wendezeit schlingern.

Lutz Seiler führt einen zurück in ein vergangenes Berlin. Wer heute durch Prenzlauer Berg und Mitte schlendert, sieht neue Bürobauten, teure Eigentumswohnungen – alles schön-gentrifiziert. Es braucht einigermaßen Phantasie, sich vorzustellen, dass diese Gegenden vor 30 Jahren größtenteils völlig düster und heruntergekommen waren.

Diese Vorstellungskraftakt wird dem Leser abgenommen durch Seilers Sprachkunst. Der Roman besticht durch eine sprachliche Virtuosität, die ebenso selten wie wohltuend ist. Seiler schreibt und beschreibt unglaublich präzise. Es kann beim Lesen manchmal anstrengend sein, wenn die letzte Delle der Thermoskanne auch noch Erwähnung findet.

Andererseits verdichtet der Autor so seinen Plot und erinnert uns an die Bilder dieser wunderbar chaotischen Zeit. Kruso-Leser finden hier auch in Nebenrollen einige der Personen aus Seilers Debütroman wieder. Überhaupt werden auch diesmal wieder die Charaktere fein und vielschichtig gezeichnet.

Freundschaft und Solidarität

Lutz Seiler beschreibt seine Geschichte in zwei großen Erzählbögen. Den von Carl und seinem Rudel in Berlin und den von Inge und Walter, Carls Eltern, in Hessen und später im Ausland. Immer aus der Sicht von Carl. „Stern 111“, der Titel erinnert an ein altes Radiomodell aus der DDR, ist ein Roman mit vielen Facetten. Es geht um neue und alte Träume, Hoffnungen, um eine unglückliche Liebe, um Visionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, um Illusionen und Desillusionierung, um Freundschaft und Solidarität – und um eine Ziege namens Dodo, der heimliche Star des Buchs.

Inklusive der herzerwärmenden Auflösung, welchem Traum Carls Eltern hinterherhängen, ist „Stern 111“ ein großer Gesellschaftsroman über eine Epoche der Geschichte, deren Geschichte noch nicht auserzählt ist.

Lutz Seiler: Stern 111. Suhrkamp-Verlag. 528 Seiten, 24 Euro.

Von Matthias Sobottka