Mittwoch , 22. September 2021
Daniel Stickan hat seinen Elemente-Zyklus um die „Luftmusik“ erweitert. Live gehören atmosphärische Elemente wie ein still schwebender Ballon dazu. (Foto: ff/privat)

Nun kommt der Sturm geflogen

Lüneburg. In ihrer idealen, reinen Form kann man Luft nicht riechen, nicht schmecken – und sehen erst recht nicht. Und dennoch gilt sie als unser wichtigstes Lebenselexier. Wenn wir sterben, dann geht uns sprichwörtlich die Luft aus. Wasser und Feuer, das sind Elemente, die der Lüneburger Organist und Komponist Daniel Stickan zu Kirchenmusik verdichtet hat. Nun also folgt das Album „Luftmusik – Eine Kantate über die Stimme, die Stille und das Schweben“.

Zu hören sind der Kinder- und der Jugendchor der Kirchengemeinde St. Michaelis Lüneburg unter der Leitung von Dörte Lorkowski. Pastor Stephan Jacob ist als Sprecher dabei, Daniel Stickan spielt Klavier, Holger Lorkowski die Orgel. Als Tonmeister hat der Berliner Rainer Ahrens die rund einstündige Kantate, zu der auch eher ungewöhnliche Instrumente wie das Wasserbüffelhorn gehören, in der Michaeliskirche aufgenommen und abgemischt.

Stickan schöpft die Musik aus vielen Quellen: Steve Reich, Schubert, Volkslieder und Choräle, auch die Texte sind in ihrer Herkunft denkbar vielfältig. „Das ist ein rasend Gischen/ ein Donnern und ein Schwall/ Gewölk und Abgrund mischen/ all ihrer Stimmen Schall“, steht in Emanuel Geibels romantischem Gedicht „Nun kommt der Sturm geflogen“, und das passt natürlich wunderbar in eine Luftkantate.

Das Wasser lockt, die Seife lacht

Aber bei seiner aufwändigen Textsuche wurde Stickan neben Hesses Wolken-Gedichten auch bei dem Nonsense-Meister Joachim Ringelnatz fündig: „Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften. Das Wasser lockt. Die Seife lacht. Es dürstet mich nach Lüften.“ Dafür blieb Goethes berühmtes „Über allen Gipfeln ist Ruh“ außen vor, das wäre dann doch zu naheliegend gewesen.

Insgesamt 19 Tracks verbinden sich zu einer farbigen Revue, die nie ins Beliebige abdriftet, obwohl es an brauchbaren Metaphern in der Lyrik nun wirklich nicht mangelt. „Die Kantate lebt auch von kleinen Inszenierungen im Raum, die auf CD natürlich nicht abgebildet werden können“, so Stickan, so hatte zum Beispiel für die Aufführung der Küster Jürgen Meyermann unter dem hohen Kirchengewölbe eine Konstruktion mit einem von innen beleuchteten Riesenballon mit fast zwei Metern Durchmesser entwickelt, der von zwei Jugendlichen gesteuert schwebend im Raum bewegt werden konnte. „Die CD ist von der Konzeption her mehr wie ein Hörspiel eingerichtet“, so Daniel Stickan, „gemeinsam mit dem Tonmeister habe ich nach Atmosphären gesucht, die so live nicht dargestellt werden konnten.“

Fehlt nur noch die Erdmusik

Winterkälte und ein lichtdurchflutetes Kirchenschiff: „Die Aufnahme-Situation regte die Kinder an, ihr Bestes zu geben. Unter so positiven Vorzeichen ist es wunderbar, den Chor bis an seine Leistungsgrenze zu führen“, so Dörte Lorkowski. die auch lobende Worte für den Tonmeister findet: „Er hat die Grenzen ausgereizt, aber nie überschritten.“

Die CD ist in Daniel Stickans Kirchenmusik-Label (siehe www.ejk-records.de) erschienen. Fehlt also in dem Elemente-Zyklus nur noch eine Erdmusik. Sie soll im kommenden Jahr uraufgeführt werden.

Von Frank Füllgrabe