Dienstag , 21. September 2021
Katharina Eleonore Meyer hatte große Hoffnung auf die Leipziger Buchmesse gesetzt. Jetzt setzt sie auf Hilfe vom Bund. (Foto: t&w)

Ohne Buchmesse wird es eng

Gifkendorf. Die Hoffnungen dieses Jahres konzentrierten sich auf David A. Robertson. Er stammt aus Kanada, schreibt dort sehr erfolgreich Romane und Kinderbücher. Für den Merlin Verlag, einen der kleinen im Lande, ist es ein Coup, die deutschen Rechte für Robertson bekommen zu haben. Mehrere Bücher sind übersetzt, es kann, es könnte losgehen. Der erste große Aufschlag war in diesem März bei der Leipziger Buchmesse geplant, „auf die wir seit einem Jahr mit viel Elan und großer Hoffnung für die Umsätze in 2020 hingearbeitet haben“, sagt Verlegerin Katharina Eleonore Meyer. Die Messe platzte, und Meyer ist „bei dem Versuch zu retten, was zu retten ist.“

Rückabwicklung und Kurzarbeit

Gerade für kleine Verlage sind die Buchmessen ein existenziell wichtiges Forum, um ihr Angebot zu präsentieren. Hier werden Kontakte geschmiedet, Geschäfte vereinbart. Kleinverlage wie Merlin und der dazugehörige Little Tiger Verlag können sich übers Jahr keine große Abteilung für Marketing und Vertrieb leisten, keine Vertreter durch Stadt und Land von Laden zu Laden schicken. Sie können auch nicht auf schnelle Mainstream-Erfolge hinarbeiten, bei denen mit viel Geld Bücher in die Bestsellerlisten gepumpt werden. „Aktuell sind wir zwischen Rückabwicklung der für Frühjahr, Sommer und Herbst geplanten Termine, Home-Office und angezeigter Kurzarbeit tätig“, sagt Meyer.

Merlin zählt zu den prominenten unter den Kleinverlagen. 1957 gründete Andreas J. Meyer in Hamburg Merlin als Bühnenverlag avantgardistischer Stücke. Es kamen viele Autoren hinzu, von Jean Genet (1910-1986) bis Jens Bjørneboe (1920-1976). Dazu wuchs schnell die Zusammenarbeit mit Typografen und Künstlern wie Horst Janssen, Johannes Grützke, Janosch und vor allem der Werkstatt Rixdorfer Drucke. Vor kurzem erschien „Von früh bis spät“, eine Foto-Reise von Michael Zapf durch die Ausstellungen des „Rixdorfers“ Albert Schindehütte.

Im vergangenen Jahr erhielt der 1927 geborene Andreas J. Meyer den Konrad-Wolff-Preis für sein Lebenswerk. Das Kuratorium würdigt Meyers Energie, literarischen Spürsinn und Ausdauer. Meyer ist im Verlag noch präsent, aber 2005 übernahm seine Tochter Katharina Eleonore Meyer, von Haus aus promovierte Archäologin, die operative Geschäftsführung. Als größter Erfolg jüngerer Zeit darf das seit 2002 für den deutschsprachigen Markt verlegte Werk des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal gelten. Im Oktober 2011 erhielt Sansal, ein scharfer Kritiker des radikalen Islams, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bestseller aber sind die in den Feuilletons stark beachteten Sansal- Romane wie „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“ oder „Rue Darwin“ nicht.

Hoffen auf Hilfspaket des Bundes

Nun hofft Katharina Eleonore Meyer, dass vom Hilfspaket des Bundes auch etwas in Gifkendorf ankommt. Sie fragt sich, „ob wir die im zweiten Halbjahr geplanten Veröffentlichungen überhaupt in Auftrag geben sollten und können, da wir als kleiner Verlag auch unter normalen Bedingungen einen längeren Atem haben müssen, bis unsere Novitäten im Buchhandel wahrgenommen werden.“

Abgesagt wurde bereits die Buchwoche Bienenbüttel, die mit der Buchhandlung Patz organisierte – liebenswerte und preiswürdige – Reihe mit Porträts kleiner Verlage. Buchhändlerin Anne-Grete Patz: „Wir wissen ja noch gar nicht, welche der Verlage, die wir in diesem Jahr dabei haben wollten, es im Herbst überhaupt noch gibt…“

Buchläden sind dicht, online bleibt Merlin präsent, und die Hoffnung heißt weiter David A. Robertson. „Strangers“ ist der erste Teil einer Trilogie, die sich – nicht nur – an Jugendliche richtet. Im Zentrum steht der 17-jährige Cole Harper, der nach dem Tod seiner Eltern traumatisiert das Cree-Reservat Wounded Sky verlässt und bei Tante und Großmutter in Winnipeg aufwächst. Als ihn Freunde aus Kindertagen per SMS zu einer Rückkehr ins Reservat der indigenen Cree auffordern, entwickelt sich die Geschichte um Cole Harper zu einem Thriller, bei dem die Wurzeln der Herkunft eine Rolle spielen. „Strangers“ sollte in Leipzig präsentiert werden, unter anderem bei einer Diskussion, die der aus Lüneburg stammende „Tagesspiegel“-Redakteur Lars von Törne geleitet hätte.

Keine Einnahmen mehr aus dem Bühnenbetrieb

„Strangers“ ist nun leise auf den Markt gekommen. Teil zwei und drei – „Monsters“ und „Ghosts“ – sind dank einer Förderung übersetzt, sollen am 1. September und 1. Dezember erscheinen. Ob Coronas Folgen das zulassen, bleibt vorläufig offen. Auch wenn es Förderungen gibt, die Verlage müssen laut Verlegerin Meyer in Vorleistung gehen – und dazu in der Lage sein. Erschwerend komme hinzu, dass der Bühnenvertrieb, der als weiteres Standbein für konstante Einnahmen in Gifkendorf sorgt, zusammengebrochen ist. Die Theater sind geschlossen.

Im Little Tiger Verlag, dem Merlin-Ableger für junge Leser, ist Robertsons „Als wir allein waren“ erschienen, ein laut Verlag „poetischer Text über Liebe und Widerstand“ und „ein Plädoyer für den respektvollen Umgang mit Menschen, die in anderen Kulturen und Sprachen zuhause sind.“ Zielgruppe: ab fünf Jahren. In Kanada war das Buch ein großer Erfolg. „Wir kriegen zur Zeit kaum Presse“, sagt Verlegerin Meyer. Der Fokus aller Öffentlichkeit liegt woanders, nicht gerade bei kleinen Verlagen. „Die ohnehin schwierige Lage wird beschleunigt.“ Was ihr in diesen Wochen Mut macht? Da schweigt Katharina Meyer lange – „dass es Bücher gibt“.

Dafür, dass der kanadische Autor David A. Robertson ein Hoffnungsträger für Merlin bleibt, gibt es einen triftigen Grund. Kanada ist Gastland der Frankfurter Messe vom 14. bis 18. Oktober. Bis dahin könnte, sollte, möge Corona nicht mehr Protagonistin unseres Alltags sein.

Von Hans-Martin Koch