Mittwoch , 22. September 2021
Gerda Gödecke, Bewohnerin des Seniorenheims in Boltersen, lauscht vom Fenster aus dem Konzert des kleinen Ensembles, hier Markus Menke von den Lüneburger Symphonikern. Foto: t&w

Auf den Frühling einstimmen

Boltersen. Beethoven unter freiem Himmel präsentieren – und das bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen 23 Grad. Besser konnte die Premiere des Hofskonzerts in Boltersen kaum laufen. Das Mini-Konzert im Vorgarten des u-förmigen Eingangsbereichs des Senioren- und Pflegeheims „Zum alten Gutshof“ in Boltersen war der Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe in Corona-Zeiten, die Jens Thomsen vom One World im benachbarten Reinstorf ins Leben gerufen hat.

Denn durch das Besuchsverbot sind die Bewohner der Altenheime wie von der Außenwelt abgeschnitten. „Das Angebot ist eine schöne Abwechslung“, findet Katharina Kleister, verantwortlich für die soziale Betreuung des Hauses in idyllischer Lage, denn Gemeinschaftaktionen seien wegen der Corona-Gefahr zurzeit nicht möglich. Um so mehr waren die Betreuer über das Angebot erfreut, stimmten die Senioren auf das Event ein.

Fantasiereise zum Frühling im Weinberg

Mit der Ode „An die Freude“ begrüßten die Pianistin Katharina Hinz, bekannt durch die Adendorfer Serenade, und der Violinist Markus Menke, Konzertmeister der Lüneburger Symphoniker, das Publikum. Den Text „Freude schöner Götterfunken“ intonierte Astrid Münder – ein perfekter Türöffner in die Herzen der Zuhörer auf den Balkonen und an den Fenstern. „Wir möchten Sie auf den Frühling einstimmen“, verkündete die Lehrerin und Hobbymusikerin. Dazu sollte auch das Gedicht von Heinrich Seidel dienen, das sie mit ihrer glockenklaren Stimme, wohl akzentuiert vortrug: „Und als ich so fragte, da murmelt der Bach: Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!“ Auch die Fantasiereise zum Frühling im Weinberg oder Eduard Mörikes berühmte Zeilen „Frühling, lässt sein blaues Band ...“ kamen gut an, ergänzten das Musikprogramm, zu dem auch Johann Strauss‘ „An der schönen blauen Donau“ gehörte.

Da im One World coronabedingt die Stille eingezogen ist, hatte Jens Thomsen, der sich ansonsten für das Veranstaltungszentrum ins Zeug legt, via Homepage und Facebook die Idee der Hofkonzerte publik gemacht. Binnen Kürze hatten sich Musiker gemeldet und schnell war das erste kleine Ensemble startbereit. „Wir haben uns via Internet mit einander ausgetauscht bezüglich der Stückeauswahl und waren uns schnell einig“, berichtet Katharina Hinz. Zeit und Gelegenheit für Proben gab es nicht, aber es klappte auch ohne. Für die Technik, damit Geige, Piano und Gesang gut hörbar bis in die Zimmer hinauf schallen konnten, sorgte Thomsen, seine guten Kontakte zu einem großen Veranstaltungstechniker zahlten sich aus.

„Studio Theater Lüneburg at home“

Auch Plattdeutsches war im Angebot des Spontan-Trios, und traf mit dem Lied „Dat du min Leevsten büst“ voll ins Schwarze, denn etliche kamen Astrid Münders Aufforderung nach, mitzusummen. Die Verabschiedung übernahmen Hinz und Menke mit dem Liebeslied „Salut d‘amour“ von Edward Elgar. Auch sie bedankten sich für die Aufmerksamkeit und betonten, „uns fehlt das Publikum“. Ihr Kammerkonzert zum Beethoven-Jubiläum am 29. März musste zum Beispiel ausfallen. Am Freitag waren die Profi-Musiker via Internet im „Studio Theater Lüneburg at home“ zu erleben, spielten Mozart und erzählten, was sie momentan bewegt. Das lässt sich auch nachhören unter https://www.youtube.com/user/DasTheaterLueneburg.

„Ich habe lange nicht mehr open air gespielt, das war ein tolles Erlebnis. Die alte Dame am Fenster, die das Mörike-Gedicht mitgesprochen hat, bewegt mich immer noch“, schwärmt Hinz. Möge die Sonne weiterhin auf der Bühne sitzen, wenn Künstler ihre ungewollt freie Zeit nutzen, um anderen Freude zu bereiten.

Von Dietlinde Terjung