„We‘ll be back“, also „Wir kommen zurück“, steht von außen am Filmpalast. Lüneburgs Kinoleiterinnen Annette Wörsdörfer (Filmpalast, r.) und Ruth Rogée (Scala) hoffen auf das zweite Halbjahr. (Foto: t&w)

Das verflixte zwanzigste Jahr

Lüneburg. Alle Säle bleiben leer. Acht sind es im Filmpalast, der größte fasst 480 Besucher. Vier Säle werden im Scala-Programmkino bespielt. Der einzige Programmhinweis auf der Homepage des Filmpalasts lautet „#bleibtgesund“. Weiter unten wird noch „Gemeinsam glücklich“ beworben, ein „special screening“ mit einem Konzert von Andre Rieu am 9. August. „We’ll be back“ prangt in großen Lettern auf der Webseite des Scala-Programmkinos.

Wie gehen eigentlich die Kinos mit der Corona-Krise um? Die LZ hat nachgefragt: bei Annette Wörsdörfer, seit 2014 Theaterleiterin des Filmpalasts Lüneburg, und bei Ruth Rogée, Geschäftsführerin des Scala-Programmkinos. Beide Kinos feiern in diesem Jahr ihr mittlerweile 20-jähriges Bestehen.

Welches sind die Hauptprobleme, die Sie zurzeit meistern müssen?
Annette Wörsdörfer (Filmpalast): Das fängt natürlich damit an, dass wir von hundert auf null herunterfahren mussten. Stilllegen ist ja fast so wie Neueröffnen. Wir mussten Tickets stornieren und die Unterhalts- und Fixkosten so gering wie möglich halten. Wir nutzen aber die Zeit und rüsten die Kinos deutlich auf, investieren 480 000 Euro in neue Tonanlagen. Das wollten wir eigentlich in der für Kinos nicht so guten Zeit der Fußball-Europameisterschaft im Sommer machen. Wir haben das nun vorgezogen, die Firmen hatten Zeit.

Ruth Rogée (Scala): Das Wichtigste war, einen Rückzug mit null Einnahmen hinzubekommen, mit Vertragspartnern, Lieferanten, Mitarbeitern Lösungen zu finden. Die Sparkasse als unsere Vermieterin zeigt sich sehr kulant, stundete die April-Miete. Wir waren auf die Situation relativ gut vorbereitet, weil wir uns in der Woche vor der Schließung in einer bundesweiten Arbeitsgemeinschaft trafen, die Programmkinos wirtschaftlich berät.

Mussten Sie Mitarbeiter entlassen?
Wörsdörfer: Nein, keiner wurde entlassen. Wir haben aber Kurzarbeit angemeldet. Die Schüler- und Studi-Aushilfen sind natürlich vorerst freigestellt.
Rogée: Nein, das werden wir auch nicht. Für die meisten ist Kurzarbeit angemeldet. Bei den Schülern, die abends Einlass machen, haben wir vereinbart, dass sie entsprechend weniger bekommen.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen müssen, nicht mehr weitermachen zu können?
Wörsdörfer: Ich denke, das Thema ist für alle relevant, wenn keine Liquidität mehr da ist. Die Kinobranche hat ja vom Fernsehbeginn bis zum Streaming einige Krisen hinter sich, aber diesen Fall gab es nie. Wir arbeiten hier in Lüneburg als eigenständige Gesellschaft, haben KfW-Kredite beantragt. Wie es auf Dauer weitergeht und wann, das kann zurzeit noch niemand sagen.
Rogée: So, wie es jetzt ist und mit dem Soforthilfeprogramm würde es drei Monate gehen, dann sind wir bei null, dann kann man wohl nichts mehr machen.

Es gibt einen Überhang an Filmen, die in diesen Wochen starten sollten. Was passiert mit denen?
Wörsdörfer: Man kann sehen, dass ab Juli ganz viele Neustarts kommen, es ist ja alles in die zweite Jahreshälfte verschoben worden. Da gibt es dann tatsächlich einen Überhang, das wird sich sortieren müssen. Es wird wohl, anders als in Vorjahren, keine Langläufer geben.
Rogée: Filmstarts werden natürlich nach hinten verschoben. Es sind aber auch viele Dreharbeiten ausgesetzt, das wird sich mit der Zeit angleichen. Aber ehrlich gesagt, über die Verleihprobleme machen wir uns zurzeit die wenigsten Gedanken.

Gibt es etwas, das Ihnen trotz Krise Mut macht?
Wörsdörfer : Das sind natürlich die vielen Nachfragen, wann wir denn wieder öffnen und die Annahme unseres Gutscheinshops. Und dazu die Aussicht auf Oktober: Da werden wir 20, und das wollen wir ordentlich feiern. Dafür haben wir ja auch die Investition in den Ton geplant.
Rogée: Ganz viel. Es ist toll, wie wir das als Geschäftsführungsteam, also Elke (Rickert), Kevin (Beck), David (Sprinz) und ich wuppen, ohne inneren Stress. Dazu erfahren wir einen riesigen Zuspruch aus dem Publikum, auch mit der Gutschein-Aktion, die wir über unsere Homepage gestartet haben.

Von Hans-Martin Koch