Mittwoch , 23. September 2020
Orientierungsprobleme gibt es dieses Jahr leider nicht. Foto: A/oc

Es herrscht Ruhe auf dem Land

Lüchow-Dannenberg. Die Karawane der Autos mit Fahrradträgern bleibt in diesem Jahr daheim. Die Kulturelle Landpartie ist abgesagt, das Wendland bleibt zwischen Himmelfahrt und Pfingsten das Idyll, das es im Rest des Jahres ist. Für viele Aussteller und Gastgeber wird die Absage zum Desaster, sie verlieren die wichtigste Einnahmequelle des Jahres. Es gibt Kritik an der frühen, Mitte März getroffenen Absage.

Seit 1989 lädt das Wendland zur Kulturellen Landpartie (KLP). Das Zwölf-Tage-Fest entstand aus dem politischen Widerstand gegen das Atommülllager Gorleben. „Wunde.r.punkte“ lautete der Untertitel. Er besteht bis heute, auch ist die Anti-Atom-Bewegung noch dabei. Aber längst ist die Landpartie zur bundesweit größten Ausstellung für Gefilztes, Geschmiedetes, Gedrechseltes, Getöpfertes und Genähtes geworden.

Die frühe Absage sei eine „Panikentscheidung“

Gut 60.000 Besucher pilgern Jahr um Jahr zu rund 120 Punkten in rund 90 Dörfern. Höfe, Gärten Scheunen, Ställe, Ateliers werden zu Stätten des Schauens, Probierens und Kaufens. Manche Orte am Rande des Geschehens behalten bei der Großausstellung ihre Beschaulichkeit. An Hotspots wie Kussebode und Salderatzen aber quetschen sich an sonnigen Feiertagen Massen, herrscht Parkplatznot.

Als „Panikentscheidung“ wertete Heinz Laing, Inhaber des Herrenhauses Salderatzen, die frühe Absage. Man hätte nach Ostern entscheiden können. So schreibt es Angelika Blank auf wendland-net.de. Sonst werde „immer auf basisdemokratische Entscheidungsverfahren gepocht – nun wird hier eine folgenreiche Entscheidung im Alleingang getroffen“, wird Laing zitiert.

Wichtigste Einnahmequelle für den Verein ist der Reisebegleiter

Die KLP versteht sich als basisdemokratische Organisation. Ein vierköpfiger Rat zog die Reißlinie, die sich mittlerweile als vorausschauend richtig erwiesen hat. Wie alle Aussteller muss nun auch die Organisation Kreativität zum Überleben beweisen. Wichtigste Einnahmequelle für den Verein ist der Reisebegleiter, ein mit den Jahren immer dicker gewordenes Programmbuch mit allen Orten, allen Ausstellern und einigen grundsätzlichen Texten zu Hintergrund und Selbstverständnis.

16.000 Reisebegleiter werden in der Regel gedruckt. Mit dem Geld wird unter anderem ein Büro in Lüchows Drawehner Straße 2 finanziert. Dort ist Claudia Huck Ansprechpartnerin. Um eine Insolvenz zu verhindern, gibt es den Reisebegleiter in diesem Jahr trotzdem, in einer „SolisonderAuflage von 1004 Exemplaren zu 20,20 Euro“ – durchnummeriert. Wer helfen will: klp@kulturelle-landpartie.de. „Bis jetzt verzeichnen wir einen regen Rücklauf“, sagt Claudia Huck.

Viele Aussteller leben von der Veranstaltung

Parallel zur KLP läuft alle Jahre erneut die Mützingenta, so etwas wie die Kulturelle Landpartie an einem Ort. Die Mützingenta ist – noch – nicht abgesagt. Eine Abstimmung mit der KLP sei nicht möglich gewesen, „mit uns wurde nicht gesprochen“, sagt Roman Schoppe vom Kultur- und Eventhof Mützingen. Es sei total schwer, die Situation einzuschätzen. „Wir haben 80, 90 Aussteller, viele leben davon.“ Aber die Zeit läuft. „Mittlerweile haben wir kaum Hoffnung“, sagt Schoppe. Bis Ostern soll eine Entscheidung fallen. Wie sie aussieht, ist eigentlich schon klar.

„Wir haben zum Glück mehrere Standbeine“, sagt Schoppe – Ferienhäuser und Pizzeria. Aber da geht zurzeit auch nichts. Im Wendland wird zwischen Himmelfahrt und Pfingsten eine idyllische, aber trügerische Ruhe herrschen.

Von Hans-Martin Koch