Freitag , 25. September 2020
Agnes Karll (l.) machte sich um die Krankenpflege verdient, Stadtführerin Silke Fiedler im historischen Kostüm am Johanna-Stegen-Denkmal, Elisabeth Maske war Lehrerin an der Wilhelm-Raabe-Schule (r.) (Fotos: Archiv)

Sie lebten nicht regelkonform

Lüneburg. Geschichte ist auch deswegen Männersache, weil die Geschichtsschreibung von Männern verfasst wurde. Aber eine Abfolge von Herrschern und Machtmenschen liefert nur eine Seite der Geschichte. Cosima Bellersen Quirini schlägt nun 255 Seiten auf und folgt „77 Frauenspuren in Niedersachsen“. Stadt und Kreis Lüneburg sind mit drei Spurenlegerinnen vertreten.

Das Buch soll Blicke auf Frauen „werfen, die sich in einer Zeit hervorgetan haben, in der dieses kaum möglich war, und die trotzdem aus ihrem eng gefassten Gefüge heraustraten.“ Quirini kommt aus Celle, arbeitet als freie Autorin; unterstützt wurde sie vom Landesfrauenrat Niedersachsen und der Initiative „frauenORTE Niedersachsen“.

Differenzierte Texte sind bei diesem Konzept nicht möglich

Vorgestellt werden Politikerinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Pädagoginnen, Frauenrechtlerinnen, Mäzeninnen und einige mehr. Alle Porträts sind knapp gefasst, maximal zwei Seiten lang, dazu kommt ein Bildnis, soweit vorhanden. Differenzierte Texte zu Kontext und Wirkungsgeschichte sind beim gewählten Konzept allerdings nicht möglich. Geordnet sind die sachlichen Porträts alphabetisch nach den Vornamen.

Das, was Agnes Karll für die Krankenpflege errichte, ist besonders in diesen Tagen von kaum zu überschätzender Bedeutung. Ihr Name und ihr Werk aber sind nur wenigen bekannt. Agnes Karll wurde am 25. März 1868 im Forsthaus Embsen geboren, eine unscheinbare Tafel dort erinnert an sie. Ursprünglich wollte Agnes Karll Lehrerin werden, wechselte aber zu einer Ausbildung als Krankenpflegerin. Einige Monate konnte sie in den USA arbeiten. In der Folge knüpfte sie Kontakt in zahlreiche Länder und engagierte sich im Allgemeinen Deutsche Frauenverein, der sich seit 1865 für Chancengleichheit einsetzte. 1903 gründete Agnes Karll eine Berufsorganisation für Pflegerinnen, einen Vorläufer zum heutigen Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe.

Sie setzte sich für eine fundierte Ausbildung ein, für die Berufsbezeichnung „Krankenschwester“, wurde Präsidentin des Weltbundes der Krankenpflegerinnen und eine der ersten Frauen, die als Dozentin an der Leipziger Frauenhochschule lehrten. Agnes Karll, an die unter anderem in Embsen auch eine Straße erinnert, starb 1927 mit 58 Jahren in Berlin.

Ist Agnes Karll in ihrer Heimat nahezu vergessen, so ist Elisabeth Maske (1860-1937) außerhalb Lüneburgs kaum bekannt. Die Tochter des Stadtbaumeisters sollte zweifach regionale Geschichte schreiben. Mit nur 16 Jahren schrieb sie sich ins reformpädagogisch orientierte Lehrerinnenseminar in Wolfenbüttel ein. Als 1895 sich die Universität Göttingen Frauen öffnete, die zum Studieren noch eine Sondergenehmigung brauchten, war die Lüneburgerin dabei. Sie wurde an der heutigen Wilhelm-Raabe-Schule die erste Lehrerin mit Studienabschluss. Dass die Schule für Mädchen einen „Wilhelm“ als Namensträger erhielt, das stellte niemand in Frage.

Turnunterricht für Mädchen galt als nicht schicklich

Elisabeth Maskes tatsächliche Bedeutung aber ist mit dem Sport verbunden. In Wolfenbüttel gab es Turnunterricht für Mädchen, was gesamtgesellschaftlich noch als völlig unschicklich galt. Sie blieb dabei, turnte sich in wiederum unschicklichen Hosen im Lüneburger Männer(!)turnverein bis in den Vorstand und wurde als Vorreiterin bzw. Vorturnerin mehrfach ausgezeichnet.

Dritte Lüneburgerin im Buch ist Johanna Stegen (1793-1842), sicher die bekannteste des Trios. Um sie strickt sich die Legende des „Heldenmädchens“, das am 2. April 1813 in der Schürze aus einem umgefallenen Wagen der Franzosen Patronen sammelte und diese dem munitionsschwachen heimischen Bataillon brachte. Darin könnte mehr Dichtung als Wahrheit stecken, was die „Spuren“-Autorin deutlich macht. Bald wurde die Stegen-Story Stoff für Literatur und Malerei. Ein Denkmal erinnert in Lüneburg an die Frau, deren Geschichte für alle (un)möglichen Interessen geplündert wurde und wird.

Weitere Frauen mit Bezug zur Region tauchen in dem Buch auf. Etwa Eleonore Prochaska (1795-1813), die im Gegensatz zu Johanna Stegen den Krieg gegen die Franzosen nicht überlebte. Prochaska wurde unter dem Namen August Renz ins preußische Heer aufgenommen, bei der Schlacht an der Göhrde auf den Tod verletzt. Erst im Lazarett wurde ihr Geschlecht erkannt. Auch ihr Leben wurde von Bühne bis Gemälde verklärt, sogar Beethoven schrieb Musik.

Das Lüneburger Schloss diente ihr als Witwensitz

Ausgewählt für das Buch wurde auch Eléonore Desmier d’Olbreuse, die Herzogin von Braunschweig-Lüneburg. Die Frau, der unter anderem das Celler Schlosstheater zu verdanken ist, bezog 1705 das heute als Landgericht genutzte Lüneburger Schloss als Witwensitz.
Als Appell für ein tieferes Erforschen lässt sich diese Sammlung kurzer, Wikipedia-ähnlicher Porträts begreifen.

„77 Frauenspuren in Niedersachsen“ erschien im Gmeiner-Verlag und kostet 20 Euro.

Von Hans-Martin Koch