Mittwoch , 30. September 2020
Die „Lebenskreise“ im Altbau am Wilschenbrucher Weg. (Foto: oc)

Sie streiten um ein Pult

Lüneburg. Diese Geschichte beginnt 1949 oder 1955 oder 1966 oder 2018 und ist nicht vorbei. Sie spielt in der Leuphana gewordenen Pädagogischen Hochschule am Wilschenbrucher Weg. Protagonisten sind der Künstler Horst Eisbrecher und sein Entdecker Prof. Jörg W. Ziegenspeck. Die Geschichte heißt „Lebenskreise“ und hängt an der Wand.

1949: In diesem Jahr kam Horst Eisbrecher (1921-2002) nach Lüneburg. Erst startete er eine Schneiderlehre in einem Modesalon, vierter Stock Bäckerstraße, dann ein Studium. Studium in Lüneburg, das hieß damals Lehramt. Eisbrecher absolvierte die Pädagogische Hochschule (PH), hängte ein Studium an der Landeskunstschule Hamburg dran, arbeitete an Gymnasien, als Referendar am Lüneburger Johanneum, später in Zeven und Alfeld.

1955 stand Eisbrecher vor dem Examen an der heutigen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, beteiligte sich an einem Wettbewerb für ein Wandgemälde für die Lüneburger Hochschule. Die Namen der Bewerber waren chiffriert. Eisbrecher gewann. Es entstanden die „Lebenskreise“, die noch heute im Treppenhaus des Altbaus am Wilschenbrucher Weg hängen. Eisbrecher malte mit Pestalozzis auf Ganzheitlichkeit gerichteter Pädagogik im Hinterkopf Szenen vom Werden und Lernen. Baum, Vogel, Eltern, ein Baum pflanzendes Kind, Lehrer mit Schülern sind in halbabstrakter Form zu sehen. Zeichnung und geometrisierte Farbflächen ergänzen sich in der Darstellung. Über die Malerei legte Eisbrecher ein Geflecht aus Linien aus schwarzen Stahlbändern.
1966 kommt der Student Ziegenspeck ins Spiel bzw. des Wegs. Generationen von Studenten passierten wie er das Kunstwerk. Ziegenspeck, von 1966 bis 1969 an der PH, gehörte zu denen, die es da eben sahen, aber nicht wahrnahmen.

Von der Psychologie zur Erziehungswissenschaft

Ziegenspeck wurde Erziehungswissenschaftler und lehrte ab 1982 als Professor an der Lüneburger Hochschule, die 1989 Universität und 2007 Leuphana wurde. Von der Psychologie wechselte Ziegenspeck 1996 zur Erziehungswissenschaft. Schon 1990 hatte er das Institut für Erlebnispädagogik gegründet. 2009 emeritierte der Wissenschaftler.

Sprung ins Jahr 2018: Ziegenspeck besucht seine alte Wirkungsstätte, bleibt im Treppenhaus stehen. Damit beginnt die Entdeckung oder Wiederentdeckung Horst Eisbrechers. Ziegenspeck macht sich auf die Recherche, stößt auf die Familie, auf Lebenserinnerungen, Kunstwerke, auch weitere Wandarbeiten.

Nun legt Ziegenspeck, heute 78 Jahre alt, eine Dokumentation seiner Recherche vor. Darin ist ein ernsthafter, schwer kriegsversehrter Mensch, Pädagoge und Künstler kennenzulernen. Eisbrecher zählt zu denen, die mit der eigenen Geschichte nicht recht ins Reine kamen, aber jenseits von Trauma und Verdrängung den Aufbruch in eine freie Welt schafften. 73 reich bebilderte Seiten umfasst Ziegenspecks Eisbrecher-Broschüre, um die es nun einen Zwist gibt.

Prof. Ziegenspeck würde es gern sehen, wenn das Heft auf einem Pult direkt am denkmalgeschützten Kunstwerk ausliegt. Er hat dafür schon ein Pult anfertigen lassen, mit dem Sicherheitsbeauftragten einen Standort bestimmt. Das Präsidium will das aber nicht, empfiehlt laut Ziegenspeck einen QR-Code, wolle aber bestimmen, was an Information weitergegeben wird. Ziegenspeck sagt, er habe viele in der Leuphana um Unterstützung gefragt, aber: „Die ducken sich weg.“

Eine Lösung, ein Kompromiss steht aus. Die Pressestelle der Leuphana ist zurzeit nicht zu erreichen. Die Geschichte dreht noch weiter.

Von Hans-Martin Koch