Dienstag , 22. September 2020
Keine Musiker, kein Publikum: Für die Veranstalter eine düstere Vision in Zeiten von Corona. Foto: Adobe Stock

Was wird mit dem Sommer?

Kiel/Schwerin. Was machen die großen Klassikfestivals in diesem Sommer? Kann das am 6. Juli beginnende, seit 1986 bestehende Schleswig-Holstein Musik Festival überhaupt stattfinden? Was ist mit den schon am 13. Juni startenden 30. Festspielen Mecklenburg-Vorpommern? Es wird knapp, die Zeit rennt, Künstler, Spielorte, Technik, Hotels, Fahrdienste und vieles mehr sind organisiert oder befinden sich in der Feinabstimmung. Für Dr. Markus Fein, seit Januar 2014 Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, bedeutet dieses Jahr auch ein Abschied, zum 1. September wechselt er an die Alte Oper Frankfurt. Dr. Christian Kuhnt übernahm im Oktober 2013 die Intendanz des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Beide Festivals machen Abstecher nach Lüneburg, geplant sind wie in den Vorjahren je drei Konzerte in der Stadt und in Bleckede/Konau/Neuhaus.

Prominente Virologen wie Prof. Alexander Kekulé sehen für Großveranstaltungen in den kommenden Monaten keine Chance. Wie gehen Sie mit solchen Aussagen um?

Dr. Markus Fein (Festspiele Mecklenburg-Vorpommern): Die Corona-Krise hat die Kultur in ihren Grundfesten erschüttert. Davon bleiben auch die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern nicht verschont. Natürlich verfolgen wir die aktuelle Entwicklung genau und können nicht ausschließen, dass einige oder gar alle Konzerte des Festspielsommers ausfallen müssen. Gleichzeitig ist das Team weiterhin optimistisch. Bis zu einer offiziellen Absage bereiten wir uns weiter auf die Konzerte vor. Wir sagen Konzerte also nur auf Basis von behördlichen Verboten ab. Klar ist: Das Wichtigste in dieser Situation ist die Gesundheit der Menschen. Um sie zu schützen, werden wir alle Maßnahmen unterstützen, die nötig sind.

Dr. Christian Kuhnt (Schleswig-Holstein Musik Festival): Wir wollen unseren Optimismus, dass die Saison 2020 wie geplant stattfinden kann, nicht aufgeben. Selbstverständlich beobachten wir die Situation sehr aufmerksam und nehmen die aktuellen Entwicklungen ernst. Aktuell sind wir noch nicht von Konsequenzen betroffen, aber beschäftigen uns natürlich mit möglichen Folgen für das SHMF. Ob es im Sommer aufgrund der nicht vorhersehbaren Entwicklungen in dieser Gesundheitskrise angebracht sein wird, ein musikalisches Fest zu feiern – wir wissen es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Schlägt sich die aktuelle Situation im Vorverkauf nieder?

Fein: Der Vorverkauf für den Festspielsommer läuft bereits seit November. Verständlicherweise agieren die Menschen in der aktuellen Lage sehr zurückhaltend, der Vorverkauf ist aktuell fast zum Erliegen kommen. Das Publikum kann übrigens ohne jedes Risiko zum jetzigen Zeitpunkt Konzerttickets buchen: Bei einem Ausfall des Konzertes bekommen die Zuhörer ihr Geld zurück.

Kuhnt: Die ersten Wochen nach unserer Programmveröffentlichung zeigten sehr eindrücklich, wie groß das Vertrauen in die Qualität unseres Programms und wie groß die Vorfreude auf den Sommer sind. Aufgrund der aktuellen Einschränkungen merken auch wir, dass die Menschen verunsichert sind und sich beim Kauf von Karten für Kulturveranstaltungen nun zurückhalten.

Haben Sie einen Plan, bis wann Sie eine „Worst case“-Entscheidung treffen müssen?

Fein: Wir werden im Team die Situation weiter intensiv beobachten. Aufgrund der Beschränkungen bis Ende April erscheint es vernünftig, erst danach darüber zu entscheiden, was im Sommer machbar ist und was nicht. Anfang Mai werden wir mehr wissen. Letztlich hangeln wir uns von behördlicher Entscheidung zu behördlicher Entscheidung.

Kuhnt: Eine Frist für eine Entscheidung gibt es derzeit nicht. Es wäre jetzt nicht zielführend, über die Situation im Juli und August zu spekulieren. Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen der Lage, die sich täglich – manchmal sogar stündlich – ändert und stehen in engem Austausch mit den Behörden. Selbstverständlich hat die Gesundheit unserer Besucherinnen und Besucher sowie unserer Künstlerinnen und Künstler für uns stets oberste Priorität.

Sie sind ja längst eine Fülle von Verpflichtungen eingegangen, bedeutet ein eventueller Ausfall des Festivals dessen Ruin?

Fein: Die Corona-Krise trifft die Festspiele besonders hart, weil unser Fünf-Millionen-Etat zu über 90 Prozent aus privaten Geldern erwirtschaftet wird. Es gibt folglich keine gesicherte Sockelfinanzierung. Nun geht es uns so wie vielen anderen Unternehmen: Wir haben Fixkosten, die nicht abwendbar sind und kaum mehr Einnahmen. Bei einem Ausfall der Sommerkonzerte müssen wir ein Finanzierungsdelta von mehr als einer Million Euro schließen. Die entscheidende Frage lautet dann: Wie werden sich die Kartenkäufer, die Sponsoren und Stiftungen verhalten? Das ist ohne Übertreibung eine existenzielle Frage für uns.

Kuhnt: Das sicher nicht. Wir haben Rücklagen gebildet, um auch schwierige wirtschaftliche Zeiten zu überstehen. Aber wir werden die Auswirkungen dieser für uns alle herausfordernden Situation spüren. Als Stiftung sind wir allerdings auf Ewigkeit angelegt und diese währt ja bekanntlich eine ganze Weile…

Macht Ihnen etwas Mut?

Fein: Die Corona-Pandemie wird die Kulturlandschaft auch nach ihrem Ende verändern. Neben all den daraus erwachsenden Problemen steht es für mich aber außer Frage, dass die Kultur in der Zukunft an Bedeutung weiter dazugewinnen wird. Die Kultur wird als Ort der Gemeinschaft, als Rückzugs- oder als Sehnsuchtsort, als Ablenkung und als Motor für gesellschaftliche Veränderung eine zentrale Rolle einnehmen. Und für all diese Dinge stehen die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Kuhnt: Wir merken gerade jetzt, auf wie viel Verständnis und Solidarität wir bei Partnern, Sponsoren und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sowie unserem Publikum stoßen. Wir alle wünschen uns einen Sommer voller Begegnungen, herausragender Musik und Freude. Dieser Optimismus, dieser Geist, dass es ein Festival von allen für alle ist, macht mir Mut. Gleichzeitig bietet uns die Zeit sozialer Isolation auch die Gelegenheit, innezuhalten und nachzudenken – das ist gewissermaßen eine positive Nebenwirkung der Ereignisse.

Sechs Konzerte in der Stadt und an der Elbe

Pläne für den Sommer

Das Schleswig-Holstein Musik Festival hat drei Konzerte in Lüneburg gebucht: 30. Juli, Leuphana-Auditorium: Naturally 7; 14. August, Leuphana-Auditorium: Meret Becker and The Tiny Teeth; 28. August, St. Michaelis: „Rossini“ mit dem Schleswig-Holstein Festivalchor, Solisten und Instrumentalensemble.

Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern bieten auch drei Konzerte, 19. Juni, Schlosshof Bleckede: Mnozil Brass, Open-Air mit Blech; 22. Juli, Konau 25: „Tschaikowsky“ mit Martynas Levickis & Friends; 11. September, Marienkirche Neuhaus: „Zwischen Beethoven und Folk“ mit Martynas Levickis und dem Danish String Quartet.

Von Hans-Martin Koch