Samstag , 26. September 2020
Diese drei Künstler sorgen online für Unterhaltung (v.l.): Schauspielerin Stefanie Schwaab, Entertainer Ben Boles und Singer/Songwriterin Miss Allie. (Fotos: t&w)

Sang und Klang gegen die Krise

Lüneburg. Wer keine Bühne hat, der schafft sich in diesen Tagen eine. Einige Musiker aus der Region setzen Ideen um, bleiben so präsent, lockern die kulturarme Zeit auf. Drei Beispiele: Sie kommen von Ben Boles, von Miss Allie und vom Theater Lüneburg.

„Ich produziere und poste bei Facebook jeden Tag ein neues Video mit eigenen, aber mittlerweile auch einer Reihe gewünschten Songs“, sagt Ben Boles – „aus meinem improvisierten Ben-Boles-Corona-Studio“. Tatsächlich melden sich viele und wünschen sich Titel, Boles’ Wunschkonzert kommt an. „Ich bekomme unglaublich viel schöne und positive Rückmeldung nicht nur aus Lüneburg und Deutschland, sondern aus aller Herren Länder“, stellt der Mann mit der Gitarre fest. Gefragt sind Songs von Elvis über Bon Jovi bis Leonard Cohen.

„Mentale Quarantäne-Fluchthelfer“ nennt Boles seine Videos. Was ihn natürlich auch freut, dass sich „der eine oder andere mit seiner Spende in meinen virtuellen PayPal-Hut dazu beiträgt, dass mir trotz Komplettausfall meiner Auftritte und Einkünfte bis mindestens Ende Mai nicht ganz die Puste ausgeht.“ Am Ende seiner Video-Infos hat Boles einen Verweis auf PayPal platziert. Eines fügt Boles hinzu: „Das Wichtigste, Schönste und Größte für mich ist es zu spüren, wie vielen Menschen ich mit meiner Musik Freude bereite und sie aufzumuntern vermag.“ Und was spielt er heute, Mittwoch? Vielleicht „Knockin‘ On Heavens Door“?

Einen anderen Weg geht Miss Allie. Die Singer/Songwriterin hat eigentlich einen dicht gepackten Konzertkalender quer durch die Republik bis in die Schweiz. Nun ist sie nicht nur mit ihrem Booking-Team dabei, ihren Kalender neu zu sortieren, sie wechselt auch ins Netz: Am 4. April gibt Miss Allie auf ihrem YouTube-Kanal ein Online-Konzert. Fans, von denen sie mittlerweile viele hat, können via Facebook Teile ihres Konzerts mitbestimmen.

Miss Allie startete per Crowdfunding einen Aufruf

Die Kommentare kommen reichlich, Miss Allie muss eine lange Strichliste führen, um zu sehen, ob „Dieter – das Regeltagebuch“, „Schweinesteak Medium“, „Du kleine Süße“ oder, oder, oder ins Programm rutscht. Gleichzeitig startete sie per Crowdfunding einen Aufruf, um ein Studio einzurichten. Das erhoffte Geld war nach nur einem Tag da. Überschüsse will Miss Allie an Künstler, die es in diesen Tagen brauchen, weiterreichen.

Beispiel drei: Auf Sendung bleibt das Theater Lüneburg. Es startete gemeinsam mit der Landeszeitung einen Live-Stream. Gab es da zunächst moderierte Kurzauftritte, so sind wegen des Gebots zum Kontaktverbot nun in Theater-Regie Solo-Auftritte zu verfolgen, dienstags bis sonnabends um 20, sonntags um 19 Uhr. Zu sehen ist so etwas wie Home-Office, die Videos entstehen zu Hause. Mal spricht Beate Weidenhammer Text aus „Emilia Galotti“, mal spielt Antje Dampel Bach, mal liefert Stefanie Schwaab den „Feministinnen-Monolog“ aus dem Stück „Aus Staub“.

Gestern, Dienstag, spielte Pianistin Kanako Sekiguchi Karaoke-Versionen von aus den „Drei von der Tankstelle“. Heute, Mittwoch, zeigt Rhea Gubler eine Tanz-Improvisation. Morgen, Donnerstag, bietet Bühnenbildnerin Barbara Bloch einen Blick in ihr Home-Office und besucht – mit ausreichend Abstand – Ballettdirektor Olaf Schmidt. So kündigt es Violaine Kozycki an, die Frau für die Öffentlichkeitsarbeit. Über Ostern hinaus, so Kozycki, könne das Studio laufen. Zu sehen ist es auf der Homepage des Theaters, auf Facebook und auf YouTube.

Es gibt natürlich weitere Aktionen, etwa vom Lüneburger Drummer Lars Plogschties, der auch mal zur Gitarre oder Ukulele wechselt oder Gitarre und Schlagzeug gleichzeitig spielt – und jetzt „zum Äußersten geht“ und sogar singt. „Das Original ist wirklich herzzerreißend schön“, sagt Plogschties auf Facebook – und kassiert Lob von Ben Boles.

Von Hans-Martin Koch