Donnerstag , 29. Oktober 2020
Drei Selbstporträts, die Katja von Zweydorff mit einem digitalen Zeichenprogramm verändert hat (v.l.): mit dem bekannten Symbolbild des Corona-Virus, mit Mundschutz und „Rettungsschirm“ sowie mit einer kleinen achtblättrigen Esche, die Glück bringen soll – wie das bekannte vierblättrige Kleeblatt. (Foto: privat)

Corona-Not macht kreativ

Lüneburg. Was macht die plötzlich verordnete soziale Isolation mit den Menschen, welchen Einfluss hat sie auf das Denken, Fühlen und Handeln des Individuums? Auch für Katja von Zweydorff, Kunst- und Französischlehrerin am Gymnasium Johanneum Lüneburg, war die Corona-Ankunft „wie ein Schuss vor den Bug“.

Für das Johanneum kam die Quarantäne hinzu, die für alle Schüler und Lehrer quasi Hausarrest bedeutete. Das ist nun überstanden, aber es bleiben ja die normalen Auflagen und somit Homeoffice beziehungsweise Lernen via online-Plattform. Und damit Gedankenwirrwarr, Konzentrationschwäche, etliche Sorgen und Ängste sowie die Frage, wie lange die Corona-Krise noch anhält.

Katja von Zweydorff nutzte das emotionale Chaos, um mal wieder gestalterisch aktiv zu werden und sich dabei gleichzeitig im Bereich der Neuen Medien weiterzuentwickeln. Kurz vor dem „Stillstand“ hatte sie eine Lehrerfortbildung des BDK (Bund deutscher Kunsterzieher) absolviert und nutzte nun die Gunst der Stunde, das Neue – die App „Sketchbook“ – auszuprobieren. „Keine Klassenarbeiten korrigieren, Unterrichtsstunden oder Konferenzen vorbereiten, endlich mal Zeit, Gelerntes zu vertiefen, denn in einem 90-minütigen Workshop kann man zwar viel austesten, aber es fehlt meist die Zeit, das zu vertiefen“, erläutert sie. Und fügt augenzwinkernd hinzu, dass es Schüler vielleicht schneller drauf haben. Auf lange Sicht möchte die engagierte Studienrätin diese digitale Kunstform auch im Unterricht einsetzen. „Das Gute an der App ist, dass sie sowohl auf iPads als auch Android-Geräten und auch Smartphones funktioniert“, sagt sie, bedauert aber zugleich, dass auch ihre Schule noch nicht ausreichend mit mobilen Geräten ausgestattet sei. „Aber vielleicht lassen sich zumindest kleinere Projekte mit Privat-Handys und -Tablets realisieren.“
Sie sei den Neuen Medien stets aufgeschlossen, sie gehören heute zum Alltag, „das kann ich nicht einfach ausblenden“. Als zertifizierte Filmlehrerin hat sie das bereits bewiesen.

Nun macht sie mit einer kleinen Serie von Bildern Appetit auf die Sketchbook-App. Die 39-Jährige hat Selbstporträts in verschiedenen Posen aufgenommen und diese dann mit grafischen Werkzeugen umgestaltet und verfremdet. „Dadurch, dass man das mit einem einzigen Gerät machen kann, kommt man auch schnell zum Ziel“, betont sie die Vorzüge eines Tablets. Entstanden sind variantenreiche und ausdrucksstarke Bilder mit experimentellem Charakter als Spiegel der schwierigen Corona-Zeit. So klammert sie sich zum Beispiel an einen Regenschirm als Symbol für Schutz und Rettung oder hält einen Blumentopf in der Hand, in dem eine Pflänzchen wächst. „Ich wollte nicht das klassische vierblättrige Kleeblatt als Glücksbringer nutzen, habe dann die Esche entdeckt, die mit acht Blättern ebenfalls eine Glück verheißende Zahl ins Spiel bringt.“ Die App sieht sie als ein tolles Mittel für den modernen medienorientierten Kunstunterricht, wenn die entsprechenden technischen Mittel bereitstehen. „Wer es bis zur nächsten Kunststunde nicht abwarten kann, sammelt einfach schon mal eigene Erfahrungen im Umgang mit dieser App“, ergänzt sie. Es sei ein ganz anderer Zugang, etwas auf zeichnerische Weise zu gestalten, nämlich digital. Die Schüler können sich mit verschiedenen Werkzeugen vertraut machen.

Die App war und ist für die Lehrerin auch eine Möglichkeit, diese besondere Zeit zu verarbeiten, den Schock, das Entsetzen, aber auch die Fassungslosigkeit bildnerisch auszudrücken. Es sei für sie auch wichtig, den Schülern zu vermitteln, mit diesen Umständen klar zukommen.

Von Dietlinde Terjung