Mittwoch , 30. September 2020
Sonja Grebe arbeitet daheim an ihrem Blog, der verschiedene Kunst-Genres verbindet. Foto: t&w

Drittgedanken gegen die Unruhe

Lüneburg. Sonja Grebe spricht gern über Bücher. Das war zehn Jahre lang in Hannover und Plön ihr Job, schließlich ist sie gelernte Buchhändlerin. Dann wurde sie Mutter, musste darüber hinaus häufig umziehen, nach Kiel, Hamburg, wieder nach Kiel, dann nach Hannover. Also war erstmal Schluss mit Buchhandlung. Inzwischen hat sich Sonja Grebe, heute Lüneburgerin, wieder in die Gespräche über Bücher eingeschaltet, oder besser: eingeklickt – als Bloggerin mit dem Titel „Drittgedanke“.

Die Bücher, die ohnehin dauernd in den Medien verhandelt werden, lässt Sonja Grebe aus. „Ich habe keine Lust, mich an Bestsellerlisten abzuarbeiten oder die Verlagsprospekte nachzuplappern.“ Lieber sind ihr die Titel neben dem Mainstream, sie müssen auch nicht unbedingt neu sein. „Kali. Eine Vorwintergeschichte“ von Peter Handke zum Beispiel, die Erzählung erinnert sie an ihr Heimtdorf Bokeloh nahe Hannover, dort steht das Kaliwerk Sigmundshall. „Ich bin kein Handke-Fan, aber ich liebe die abseitigen Schauplätze jenseits der Metropolen wie etwa Hamburg oder Berlin“.

Texte, Fotos, Musik

Angefangen hat es mit dem Drittgedanken im Jahre 2015. „Ich lese wie verrückt, und in diesem Jahr gab es eine richtige Welle von Blogs“, so Grebe. Also warum nicht mitsurfen? „Ich bin nicht computeraffin“, sagt sie, aber es gibt Plattformen, die das Einrichten der Seiten mit Texten, Fotos, Musik und (seltener) mit Filmen erleichtern.

Eine Genremix, sortiert nach assoziativen Oberthemen und Roten Fäden: Wichtig ist bei Drittgedanke der Blick nach rechts und links. Natürlich stehen Buchrezensionen im Mittelpunkt, aber es gibt spielerische Querverweise, Zitate, Gedichte, Überschneidungen, selbst gestaltete Illustrationen – wunderbare Freiheit des eigenen unkommerziellen Auftritts. Im Kern werden jeweils einem Thema drei Beiträge zugeordnet. Aktuell beschäftigt sich Grebe mit dem „Gesicht des Krieges“, eine Reportagen-Sammlung von Martha Gellhorn, außerdem mit einem echten Science-Fiction-Klassiker, den „Sterntagebüchern“ von Stanislaw Lem. Oberthema: Sonderzustände.

Rezensionen für Online-Feuilletons

Gearbeitet wird nach Lust und Laune, rund hundert Leser im Schnitt klicken „drittgedanke.wordpress.com“ jeden Tag an, bisher waren es insgesamt vierzigtausend. Kontakt hat Sonja Grebe über Twitter vor allem mit Fachpublikum, mit Journalisten, Autoren und Verlagsmitarbeitern, „die Literatur-Bubble ist relativ eng“, sagt die Bloggerin, die auch Rezensionen für Online-Feuilletons schreibt.

An Corona kommt auch Sonja Grebe nicht vorbei. Ihr Sohn hat natürlich schulfrei, und wenn Muttern schreibt, dann ist er am Tisch mit Diktat oder Mathe-Übungen beschäftigt – oder mit Bastelarbeiten, die auch schon mal in die Drittgedanken aufgenommen werden. Zwei gegenläufige Bewegungen hat sie beobachtet: Auf dem geräumigen Lande zieht es die Menschen ins Grüne, in den engen Großstädten verkrümeln sie sich in ihre Wohnungen. „Die Leser sind offensichtlich dankbar für eine geistige Normalzone“, sagt Sonja Grebe, „es ist wichtig, die Unruhe-Schraube auch einmal zu unterbrechen“.

Von Frank Füllgrabe