Mittwoch , 23. September 2020
Hajo Fouquet – allein im Theatersaal. Es wird dauern, bis die 540 Plätze wieder besetzt sind. Foto: t&w

Herr Fouquet, was macht Ihnen Mut?

Lüneburg. Morgens um 11 Uhr im Theater. Intendant Hajo Fouquet sitzt im Büro, wälzt wie nebenan Co-Geschäftsführer Volker Degen-Feldmann Probleme, von denen er nicht ahnen konnte, dass es sie gibt. „Der Tag könnte 36 Stunden haben“, sagt Fouquet. Immerhin: Sein Team ist nach heutigem Stand gesund, Corona-Fälle sind bisher weder aus dem Ensemble noch bei den vielen Mitarbeitern bekannt. Aber fast alle sind jetzt zu Hause. Per Telefon gibt Fouquet Auskunft zur aktuellen Situation im Haus.

Herr Fouquet, wer ist jetzt eigentlich außer Ihnen im Haus?
Fouquet: Mein Kollege Volker Degen-Feldmann ist da, auch die Verwaltung, um alle buchhalterischen Fragen zu klären und um die Gehaltsabrechnungen der 200 Beschäftigten des Theaters sicherzustellen. Inge Rathkamp von der Disposition ist vor Ort, die Pforte ist besetzt, Frau Kozycki in der Öffentlichkeitsarbeit ist im Einsatz und natürlich die Theaterkasse.

Dort dürfte das akute Hauptproblem anfallen. Lässt sich die Kartenproblematik beziffern?
Wenn wir bis Ostern, also bis zum 19. April nicht spielen können, müssen wir 17.000 Karten rückabwickeln. Wenn die Sperre länger nötig ist, steigt die Zahl natürlich.

Welche Möglichkeiten haben Kartenbesitzer?
Es gibt drei Möglichkeiten: Die Karten können gegen einen Gutschein getauscht werden, der gilt für drei Jahre. Zweitens gilt, dass es das Geld zurückgibt. Die dritte Möglichkeit ist auch mit einer Bitte verbunden: Wer mag und wem es möglich ist, kann die Karte als Spende zurückgeben. Dazu findet sich auf unserer Homepage ein Formular, es gibt natürlich eine Spendenbescheinigung. Für die Verwendung des Geldes als Spende für das Theater benötigen wir jedoch unbedingt eine Unterschrift des Kunden auf dem Formular. Wir bitten nur um Geduld, es ist zurzeit sehr viel.

Wie verhalten sich die Mitarbeiter zur Situation?
Da wir schnell klare Ansagen machen konnten, gibt es einen großen Konsens. Wir stehen in engem Kontakt mit unserem Betriebsrat.

Gibt es Gedanken zu einer Saisonverlängerung, um ausgefallene Termine nachzuholen?
Nein. Wir haben das angedacht, aber es ist doch sehr zweifelhaft, ob das Sinn ergibt.

Fünf Premieren waren Ende März und im April geplant: „Pinguine können keinen Käsekuchen backen“, „Emilia Galotti“, „Just So“, „Das Tagebuch der Anne Frank“ und das neue Stück der Mimetten. Was passiert mit den Produktionen?
Das bewerten wir jeden Tag neu. Ich kann die Frage zurzeit nicht beantworten, es wäre Kaffeesatzleserei. Ich denke, es wird einen ersten Schritt geben, dass wir wieder im Haus arbeiten können. In einem zweiten Schritt müssen dann wieder 540 Menschen nebeneinander im Theatersaal sitzen dürfen. Wir prüfen laufend, wann zum Beispiel wer von den künstlerischen Gästen der Produktionen möglicherweise Zeit haben wird.

Ausfallen müssen auch Großprojekte wie das Konzert  „Aber bitte mit Sahne“ am 4. und 6. April. Gibt es da eine Chance auf spätere Termine?
Wir haben eine Option, die Konzerte noch während der Spielzeit nachholen zu können. Aber auch das hängt natürlich vom Verlauf der Krise ab.

Selbst wenn im Mai wieder gespielt werden könnte, müssen Premieren doch auch dann weit nach hinten geschoben werden, da nicht geprobt werden kann.
Auch da schieben wir natürlich zurzeit Termine hin und her. Es kann schon passieren, dass etwas ganz aus dieser Spielzeit herausfällt. Immerhin zwei Produktionen sind so gut vorgeprobt, dass sie mit kurzen intensiven Proben schnell herauskommen könnten: „Pinguine können keinen Käsekuchen backen“ und „Emilia Galotti“. Auch Franka Kraneis ist so gut vorbereitet, dass sich „Das Tagebuch der Anne Frank“ schnell realisieren lassen könnte. Aber, da muss ich mich wiederholen, wir müssen einfach den Verlauf der Corona-Krise abwarten.

Was können Besucher und Theaterfreunde tun, um das Haus zu unterstützen?
Natürlich freuen wir uns, wie oben geschildert, über jede Spende und Kartenspende. Davon machen erfreulich viele Gebrauch, wir sind extrem dankbar. Wir freuen uns auch über die vielen Bezeugungen, dass die Theaterfreunde, die Volksbühne und all unsere Besucher uns die Treue halten. Und wir bitten um Geduld, dass wir nicht jede Frage sofort beantworten können.

Die mittelfristige Liquidität des Theaters ist stark bedroht. Gibt es Gespräche mit den Trägern Land, Kreis und Stadt?
Es hat sich bei der Finanzierung der kommunalen Theater mit dem Land Niedersachsen in jüngerer Zeit in die richtige Richtung entwickelt. Wir sind auch mit Stadt und Kreis als Trägern des Theaters in Gesprächen.

Aber jetzt ist eine besondere Situation aufgetreten.
Natürlich, aber ich bin zuversichtlich, dass wir offene Ohren finden, wenn sich nun Belastungen durch die Krise ergeben.

Was macht Ihnen Mut?
Mut macht mir, dass die Situation endlich ist, und dass wir nicht panisch, sondern ruhig agieren. Ich merke, wie konzentriert wir sind, um uns laufend auf neue Situationen einzustellen. Das geht nur durch positive Energie, die ich nach Möglichkeit mit allen im Haus und besonders denen, die sich nun Sorgen machen, teilen möchte. Wir sorgen füreinander, werden diese Zeit sehr gut überstehen.

Von Hans-Martin Koch