Freitag , 18. September 2020
Nicht ohne das Altsaxophon: Charlotte Greve lebt und arbeitet in New York. (Foto: privat)

Als Weltbürgerin mit dem Jazz unterwegs

Uelzen/Lüneburg/NewYork. Es ist nicht leicht, für Charlotte Greve den passenden Ortsnamen anzugeben. Berlin gehört ja auch dazu, dort hat sie studiert. Aber in Uelzen, genauer in Veerßen, ist die Musikerin geboren. An der Musikschule Lüneburg und an der Raabe-Schule fand sie von der Querflöte zum Saxophon, von der Klassik zum Jazz. Sie lebt seit 2012 in New York und legt nun ein reichlich aufregendes Album vor: „More Than I Can See“, eingespielt mit ihrer Band Wood River.

Es bleibt Raum zum Improvisieren

Charlotte Greve pflegt mehrere Musikprojekte. In Deutschland ist die 32-Jährige vor allem mit dem Lisbeth Quartett erfolgreich; benannt nach ihrer Großmutter. Dreimal Jazz Baltica, ein Echo Jazz, lobpreisende Kritiken haben dem Quartett Anerkennung gebracht. Zu verdanken ist sie einem Mix aus durchkomponierten, melodiestarken Stücken auf der einen, dem Raum fürs Improvisieren auf der anderen Seite. Das Lisbeth Quartett spielt zeitlos zeitgemäßen Jazz.

Wood River, basiert in New York, dagegen entzieht sich allen Kategorien. Jazz, Rock, Ambient, irgendwo dazwischen spielt sich diese keinen Moment ausrechenbare Musik ab. „Die Band gibt es jetzt seit sechs Jahren. Ich habe mega viel Arbeit reingesteckt“, sagt Charlotte Greve.

Die meisten Stücke schreibt sie selbst. Sie hat natürlich ihr Alt-Sax am Start, aber sie prägt den Klang stärker noch mit elektronischen Sounds, und vor allem erhebt sie ihre Stimme zum Instrument. Immer wieder lässt sie reine Vokalisen über das kompositorische Gerüst schweben, das kann elegisch sein, allerdings auch mal ziemlich weit in ätherische Weiten driften.

Verblüffende Brüche

Die Band fängt aber alles Schwebegewebe wieder ein, mit verblüffenden Brüchen wie den explodierenden, erdverbundenen Gitarrensoli von Keisuke Matsuno – Jazzrock pur, Altmeister wie Robert Fripp dürfen sich freuen: Dass es sowas noch gibt… Simon Jermyn (Bass) und Tommy Crane (Drums) komplettieren das in New York formierte, temporär zusammenkommende Ensemble.

Charlotte Greve, 2019 mit dem Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg ausgezeichnet, holt jedenfalls eine Menge Spannung aus dem Konzept. Zugleich ist spürbar, dass mit dem neuen Album keine Endstation auf einer eventuell langen Reise zu erleben ist. Mit Wood River hat die zwischen vielen Projekten pendelnde Greve jedenfalls einen Weg eingeschlagen, auf dem sie sich vom Vielgespielten abhebt – und den Hörer auch mal abheben lässt.

Einige Deutschland-Konzerte hat Wood River gerade gespielt. Auch in Hamburg an einem Abend, den ein zweiter Musiker mit Lüneburg-Roots gestaltete, der Pianist Bela Meinberg. 2015 war Wood River zu Gast beim Kunstraum Tosterglope. Charlotte Greve ist nun wieder in den Jazzclubs von New York unterwegs, zum Beispiel mit Simon Jermyn im Duo Sooner.

Auch in New York ist alles abgesagt

Wood River soll Perspektive haben.„Ich hoffe, in den nächsten Jahren mit der Band mehr touren zu können“, sagt die Tonangeberin – eventuell schon im Herbst. Ob dann Europa auf dem Plan steht? Aktuell standen in Charlotte Greves Kalender Konzerte in New York, „aber hier ist auch alles abgesagt“, sagt sie.

Das Album „More Than I Can See“ ist bei Yellowbird Records erschienen.

Von Hans-Martin Koch