Freitag , 25. September 2020
Lukas Heibges macht die Geschichte eines Fälschers zu einem Fotografie-Projekt über Realität und Fiktion. (Foto: t&w)

Die Geschichte beginnt im Knast

Lüneburg. Hans M. ist der Mann, der nicht an der Schlange im Supermarkt auffällt und nicht an der Bushaltestelle. Herr M. ist unscheinbar, ein kleiner Mann von nicht einmal 1,60 Meter in zu großen Anzügen. Aber Herr M., ledig, keine Kinder, hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Lukas Heibges hat sie fotografisch eingefangen und mit Texten und Akten erweitert. Die Geschichte beginnt im Plötzensee-Knast und ist nun bis 14. April in der Kulturbäckerei Lüneburg angekommen. Sie trägt den Titel: „Herr M. – Justizfall eines Fälschers“.

Observiert und einkassiert

Lukas Heibges, geboren 1985, studierte in den Niederlanden, in Berlin und jetzt mit Kurs Master in Bielefeld Fotografie, Film, Medien. In der Plötze, wie das Berliner Gefängnis Plötzensee genannt wird, beteiligte er sich an Theaterprojekten mit Insassen. Dort lernte Heibges Herrn M. kennen, der mehrere Jahre Haft verschrieben bekam, weil er in einem Hinterzimmer in Neukölln systematisch Kontoauszüge, Gewerbeanmeldungen, Schufa-Einträge, Anmeldebestätigungen und weitere Dokumente fälschte. Alles Dinge, die seiner Ansicht nach der Staat hätte tun müssen, um Menschen zu Arbeit und Wohnung zu verhelfen. M. wurde aufwendig observiert und schließlich kassiert.

Mal sind nur die verschränkten Arme und eine Tasse Kaffee zu sehen, mal nur die Beine von Herrn M. Alles in Schwarzweiß-Aufnahmen, mal steht er mit dem Rücken zur Kamera in seiner Zelle. Texte scheinen rätselhaft. Der Betrachter nähert sich Herrn M. und seiner im Lauf der Ausstellung immer dichteren Geschichte an.

Vier Bananenkartons und eine Sporttasche

Farbfotos zeigen Herrn M. in der Zeit vor dem Gefängnis. Als Herr M. vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, hat Lukas Heibges ihn abgeholt. Da steht der Mann wartend vor der Mauer an Pforte II, vier Bananenkartons und eine Sporttasche neben sich.

Manchmal fremdele er mit der Fotografie, sagt Lukas Heibges. Nicht immer sagt ein Bild mehr als 1000 Worte. Heibges hat sein Projekt zu einer sozialen Reportage erweitert. Er zitiert Akten, Berichte der Überwacher, das Landeskriminalamt, den Verteidiger, den Staatsanwalt. Manches liest sich, als sei es aus einem Vorabendkrimi: „13.59 Uhr: Die Zielperson betritt die „Blutwurstmanufaktur“, Karl-Marx-Platz 11. – 14.03 Uhr: Mit einer Tüte verlässt die Zielperson diese wieder und geht zurück zur Wohnanschrift, die sie um 14.07 Uhr betritt.“

Fotografien konstruieren die Wirklichkeit 

Heibges beschönigt nicht, wertet nicht, stellt Herrn M. nicht als Opfer dar. „Ich habe Sympathie für ihn, aber er ist völlig zu Recht verurteilt worden“, sagt Heibges. Das Thema „Fälschung“ überträgt sich in der Ausstellung auf das Medium Fotografie und deren vermeintliche Objektivität. Somit geht es um Fiktion und Realität, um Reportage und Kunst. „Die Fotografien werden hier als höchst fluide Medien inszeniert, die Wirklichkeit nicht einfach abbilden, sondern vielmehr konstruieren“, heißt es in einem Text, den Britta Hochkirchen von der Universität Bielefeld zur Lüneburger Ausstellung verfasste.

Lukas Heibges erhält für sein Projekt, aus dem ein Buch hervorgegangen ist, viel Anerkennung. Auf Deutschlandfunk Kultur ist ein halbstündiger Podcast abrufbar: „Justizakte M. – Die Geschichte eines Fälschers“, an dem Heibges als Co-Autor von Jule Hoffmann mitwirkte. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung bereitet einen größeren Beitrag vor. Heibges arbeitet mittlerweile an einer szenischen Aufbereitung des Materials.

Ausstellung von Dietger Luckow

Ordnung und Zufall

Bildobjekte des Bardowickers Dietger Luckow werden ab Sonntag, 15. März, 11.30 Uhr in der Kunsthalle der Kulturbäckerei gezeigt. Luckow, 1940 geboren, hat eine Bildsprache gefunden, in der er eine spezielle Technik des Umgangs mit Bildträger und Farbe anwendet. Die daraus entstehenden abstrakten Arbeiten geben dem Betrachter keine Thematik, Motivik, Symbolik mit, gehen aber Fragen nach, die sich im Titel der bis 14. April laufenden Ausstellung finden: „Gewesen – Sein – Werden“. Zur Eröffnung spricht Anton Bröring. lz

Von Hans-Martin Koch