Die Schauspieler Andre Szymanski (v.l.), Tim Porath und Birgit Stöger während der Fotoprobe von "(R)Evolution. Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert" auf der Bühne im Thalia Theater. (Foto: Georg Wendt)

Der Algorithmus regiert

Hamburg. Der homo sapiens hat ausgedient. Er weiß es nur noch nicht. Über Jahrmillionen hatte er sich zur Spitze evolutioniert. Ein paar Jahrzehnte dauert gerade jetzt die Mutation zum homo digitalis. Einige Jährchen folgen dann noch zur finalen Stufe, dem homo deus. Der Algorithmus übernimmt, allgegenwärtig und allmächtig – ohgott-ohgott! Um all das bebildert zu erklären, braucht Dramabauerin Yael Ronen nur hundert Minuten im Thalia Theater: „R(E)volution“.

Es stimmt ja. Amazon weiß, was ich kaufen wollen soll, das Navi weist mir den Weg, Facebook kennt meine Hobbys. Künstliche Intelligenz übernimmt den Menschen samt seiner Kraft, Entscheidungen zu fällen. Es geschieht schleichend und schnell zugleich. Diese Weltvorhersage ist nicht neu, wird nur gern ignoriert, die Sache ist einfach zu komplex. Yael Ronen spitzt sie nun mit Co-Autor Dimitrij Schaad lustvoll zu.

Widerstand wird zwecklos

Wie in all ihren Produktionen bricht Ronen in „R(E)volution“ ein großes Thema mit Witz und Klugheit breitenwirksam runter, entwickelte es in gemeinsamer Arbeit mit den Darstellern. Als Grundlage für ihre Zivilisations-Vorschau bedient sich die 1976 in Jerusalem geborene Theatermacherin der „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des zurzeit führenden Vordenkers Yuval Noah Harari.

Vor dem eigentlichen Beginn gibt es fürs Publikum noch eine Erklärung aus dem Kleingedruckten: Mit dem Kauf der Eintrittskarte haben wir eingewilligt, dass Kameras unsere Gesichter checken, Mikrofone jeden Laut. Ein Sensor im Sessel misst laufend die Körpertemperatur, übermittelt jede Regung. Vorlieben, Abneigungen – alles wird berechnet, das Theater wird künftig passende Angebote finden. Und eines gar nicht mehr so fernen, von allen Intendanten befreiten Tages erlebt jeder Besucher für sich per „virtual reality“ genau das Theaterstück, das auf ihn zugeschnitten ist. So malt vor dem Beginn André Szymanski in furioser Rede die nächsten Stufen des Theaterbesuchs aus. Noch lachen wir.

Yael Ronen dreht den Kalender zwanzig Jahre nach vorn. Über die Wand flimmern Bilder und Nachrichten. Elf Millionen Holländer sind auf der Flucht vor den Fluten, bereit zum illegalen Grenzübertritt. Eine Terrorgruppe namens „Die Naturalisten“ hat sich formiert…

Das Kind soll ja chancengleich aufwachsen

Ein Stückchen Widerstand leistet auch der werdende Vater, der mit seiner schwangeren Frau beim Arzt die Zukunft des Kindes diskutiert. Welche Nase, welche Augen, welches Maß an Intelligenz, welche drei Arten Krebs sollen ausgeschlossen werden? Basispaket? Pluspaket? Der Vater, Waldorfschüler, darum möglicherweise ein Naturalist, er will die Programmierung nicht. Die Mutter schon: Das Kind soll ja chancengleich aufwachsen.

Scherenschnittige Szenen ziehen sich durch den Abend. Trotz aller Oberflächlichkeit und allem Ausreizen von Pointen schärfen sie die Gedanken. Ronen und Team projizieren, wohin die Reise geht. Die Geräte im Haushalt diktieren das Ess-Verhalten, der Staubsauger will dem Besitzer eine neue Funktion erklären, und dann wird der frühere Herr im Haus zum Schlafen geschickt. natürlich alles zu seinem Besten.

Gespielt wird meist auf einem kippeligen, metallischen Quadrat, das Bühnenbildner Wolfgang Menardi über dem Boden schweben lässt. In der Mitte haust Alexo, die Verkörperung der algorithmischen Diktatur. Er ist der nächste Schritt nach dem schon real agierenden Alexa-Sprachassistenten. Alexo schleimt sich ein, will ganz nah sein, ein Chip unter deiner Haut. Aber bei allem Verständnis für deine Bedürfnisse verpflichten ihn die Geschäftsbedingungen logischer Weise, bei einem verdächtigen Begriff wie „Waldorfschule“ die Polizei zu informieren.

Eine Anleitung zum Überleben

Subtil ist das alles nicht. Aber es ist gut gebaut, noch da, wo es sich im Albernen zu verlieren beginnt. Dem streitenden Cybersex-Pärchen erklärt die für uns Fleisch gewordene algorithmische Allmacht, dass der eine den anderen ja gar nicht liebt. Der weiß es zwar nicht, aber die Daten beweisen es.

„Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“ gibt Yael Ronen ihrer Produktion als Untertitel mit. Wer eine Umleitung sucht, kommt zu spät. Noch applaudieren wir. In diesem Fall lang und ausdauernd. Der Beifall gilt dem ganzen Team, zu dem auf der Bühne noch Marina Galic, Tim Porath, Dimitrij Schaad und Birgit Stöger gehören. Die „R(E)volution“ kommt wieder heute, morgen und am 27. März über das Publikum.

Von Hans-Martin Koch