Freitag , 18. September 2020
Nur die Liebe einer Frau kann ihn retten: Lars Fosser als „Fliegender Holländer“. Foto: Theater/Tamme

Der Holländer ist ein Däne

Lüneburg. Eine Hauptrolle in einer Oper auszufüllen, ist eine Herausforderung – „aber Wager ist noch einmal ein Sonderfach“, sagt Lars Fosser. Auf die Kondition der Künstler hatte Richard Wagner in seinen opulenten Werken wenig Rücksicht genommen, „da ist viel Mittellage, die Stimme muss erwachsen sein, und wenn die Technik nicht stimmt, dann kommt es zu einem Riesenvibrato.“ Der dänische Bass-Bariton freut sich auf die Herausforderung am Sonnabend, 7. März. Dann steht er als „Der fliegende Holländer“ auf der Bühne des Theaters Lüneburg, „es ist meine deutsche Wagner-Premiere“.

Ein Spukmärchen, eine Gespenstergeschichte

Einen kompletten Ring des Nibelungen hatte Lars Fosser bereits 2012 an einem einzigen Wochenende daheim an der Staatsoper Kopenhagen gesungen, in gekürzter Fassung. Auf seine erwachsene Stimme kann sich Fosser verlassen, er ist seit dreißig Jahren als Profi unterwegs, „und im nächsten Jahr feiere ich mein fünfzigjähriges Bühnenjubiläum“, sagt der gut gelaunte Däne, dessen Stimme auch im normalen Gespräch etwas von ihrer Macht erahnen lässt. Als Dreijähriger stand er für Puccinis „Madame Butterfly“ auf der Bühne, da war der Bass-Bariton wohl noch nicht so ausgeprägt.

Nun also die Titelrolle im Holländer, einem bei der Uraufführung 1843 eher mäßig erfolgreichen Frühwerk von Wagner. Erst als er mit „Rienzi“ Triumphe feierte, entfaltete der Fliegende Holländer beim Publikum jene Faszination, die der gruselig-romantischen Oper zu eigen ist. „Sie ist ein Hybrid“, sagt Lars Fosser, „die alte Form der Grande opéra mit ihren Rezitativen, Duetten und Terzetten ist noch spürbar, zugleich schimmert schon das durchkomponierte Gesamtkunstwerk durch.“

Ein Spukmärchen, eine Gespenstergeschichte: Der Holländer bereist mit seinem Geisterschiff rastlos die Meere, nur einmal alle sieben Jahre darf er an Land gehen. Von seinem Fluch erlöst werden kann er nur durch die bedingungslose Liebe einer Frau. Mitten in einem schweren Sturm begegnet das Schiff von Kapitän Daland (Ulrich Kratz) dem Holländer. Daland lädt den Fremden ein, ihn nach Hause zu begleiten. Dort trifft der Verfluchte auf Dalands Tochter Senta (Signe Heiberg), die in dem finsteren Seemann jenen Mann erkennt, der schon ewig durch ihre Träume geistert. Ist Senta also jene Frau, die den Holländer erlösen kann? Oder erlöst er vielmehr sie aus ihrem engen, eintönigen Leben?

Der seekranke Richard Wagner

Die Entstehungsgeschichte wäre ebenfalls operntauglich: Richard Wagner war auf der Flucht vor Gläubigern, floh aus Riga über die russisch-ostpreußische Grenze und buchte eine Schiffspassage nach London. Der Schoner geriet in schwere See, fast wäre es zu einer Katastrophe gekommen – für den 26-jährigen Wagner ein nachhaltiges Erlebnis.

Lars Fosser ist international erfolgreich, die Karriere führte ihn bis hin zur Carnegie Hall in New York. Die Bühne wurde ihm in die Wiege gelegt, der Vater war Regisseur und Dramaturg, die Mutter Sängerin und Schauspielerin. „Ohne Theater geht es mir nicht gut“, sagt Lars Fosser. Den Holländer skizziert er als einen eher egoistischen Menschen, der sich zuallererst als Opfer empfindet, die Verantwortung für sein Schicksal bei Gott sucht – und bei den Frauen.

In Lüneburg gibt es keine Fluch-der-Karibik-Romantik, sondern eine eher kühle Ausstattung (von Stefan Rieckhoff). Regie führt Theaterintendant Hajo Fouquet, die musikalische Leitung hat Thomas Dorsch. Für die Premiere im großen Haus gibt es noch Restkarten.

Von Frank Füllgrabe