Montag , 21. September 2020
Die Kunststätte gilt als herausragendes Gesamtkunstwerk, hat aber nur wenige Besucher. (Foto: dth)

Der Waldfrieden ist in Gefahr

Jesteburg. Es hätte so schön sein können. Vor 25 Jahren gründete sich die Stiftung Johann und Jutta Bossard. Sie sorgte und sorgt dafür, dass mitten im Wald bei Jesteburg ein einzigartiges Gesamtkunstwerk erhalten und als Museum genutzt wird. Zum Jubiläum steht nicht nur ein umfassendes Programm an. Die Kunststätte Bossard plant mit dem Landkreis Harburg und Geld vom Bund eine Erweiterung zu einer Kunsthalle für die Lüneburger Heide. Statt Freude zieht aber Sturm auf. Es hagelt Protest gegen die Pläne.

Alles beginnt mit Johann Michael Bossard (1874-1950). Der Bildhauer aus der Schweiz lehrte seit 1907 an der Hamburger Kunstgewerbeschule, der heutigen Hochschule für Bildende Künste. 1912 begann Bossard in Lüllau bei Jesteburg, in einem Jahrzehnte währenden Prozess ein Atelierhaus zu bauen, das sich zu einem expressionistischen Kunsttempel aus Architektur, Malerei, Mobiliar, Mosaik, Textil und Plastik weitete. Jutta Bossard (1903-1996), seit 1926 mit dem Künstler verheiratet, brachte kurz vor ihrem Tod die Stiftung zum Erhalt des Gesamtkunstwerks noch auf den Weg.

Architektur, Malerei, Textil, Mosaik, Mobiliar und Plastik

Nun soll das abseits im Wald liegende Ensemble für knapp elf Millionen Euro einen Zusatzbau erhalten. Hinter den Plänen für die Erweiterung steht eine ganze Reihe von Überlegungen. Zum Beispiel eine kulturtouristische: „Auf der einen Seite haben wir hier ein europaweit herausragendes Kunstwerk, auf der anderen Seite nur 12 000 bis 13 000 Besucher. Das steht in einem krassen Missverhältnis“, sagt Landrat Rainer Rempe (CDU). Er ist auch Vorsitzender des Stiftungsrats der Kunststätte.

Inhaltliches Ziel der Erweiterung ist vor allem, den kunsthistorischen Kontext der Kunststätte zeigen zu können. Dazu reiche der bisher bestehende Museumsplatz nicht aus, argumentieren Museumsleiterin Dr. Gudula Mayr und Prof. Rolf Wiese. Der Museumsdirektor des Kiekeberg-Freilichtmuseums tritt bei dem Projekt als Konzeptplaner auf. Wiese: „Der Neubau ist als Auftakt gedacht, um in das komplexe Werk einzuführen und bietet Raum für eine neue Dauer- und wechselnde Ausstellungen.“

Die Rolle der Bossards im Nationalsozialismus

Thematisiert werden soll dabei auch die Rolle der Bossards im Nationalsozialismus. Offensichtlich sympathisierten die Bossards zwischen 1932 und 1934 teilweise mit Themen der Nationalsozialisten wie einer völkischen Erneuerung Deutschlands, mit Rassismus-Ideologien. Sie hielten aber, so der Stand der Forschung, Distanz zu den Machthabern, sahen eigene Ideale und die Freiheit der Kunst gefährdet. Mitglied der NSDAP war Bossard, der bis 1944 als Professor lehrte, nicht. Die kunsthistorische Sonderstellung der Anlage ist unabhängig von der politischen Diskussion unbestritten.

In die Jahre gekommen ist die Infrastruktur rund um die sanierungsbedürftige kathedralartige Kunststätte. Das gilt besonders für die bucklige Anfahrt über Sandwege und das Parken. 20 000 Quadratmeter sollen ersten Plänen zufolge für einen Parkplatz mit 360 Stellplätzen plan gemacht werden. Hier setzt ein Großteil der Kritik an. Die Dimensionen des Projekts mit geplanten 30 000 Besuchern pro Jahr brachte die Unabhängige Wählergruppe Jesteburg (UWG) dazu, von einem „Disneyland der Nordheide“ zu sprechen. Bossard habe schließlich bewusst einen stillen Ort der Kunst mitten im Wald errichtet.

UWG, eine „Allianz gegen einen Kunstbunker“ und die NaturFreunde Nordheide plädieren dafür, einen ergänzenden Neubau im Ort zu planen. Zwei Museen zu einem Thema machen aber keinen Sinn, sagt Museumsleiterin Dr. Mayr.

Landkreis rudert in einigen Punkte zurück

Gegenwind kommt auch vom Bund für Umwelt- und Naturschutz, der eine „bescheidene Erweiterung“ des „noch veträumten Museumsareals“ akzeptiert. Der BUND pocht aber auf Klimaneutralität und kritisiert, dass die jetzigen „Touris­mus­magnet“-Planungen „einen schwerwiegenden Eingriff in einen bisher ruhigen, grünen und von größeren Zuwegungen nicht durchschnittenen Landschaftsraum“ bedeuten.

Bei einem Info-Abend mit knapp 200 Besuchern in der Oberschule Jesteburg prallten jetzt die gegensätzlichen Meinungen aufeinander. Der Landkreis rudert in einigen Punkte zurück, zumindest vorläufig. Bei den Parkplätzen könne es zum Beispiel eine um zwei Drittel kleinere Lösung geben. Die hart kritisierte Gebäudeskizze wiederum sei nur ein Entwurf für die Antragstellung gewesen, sagt Landrat Rempe. „Ein Planungswettbewerb kommt.“

Realisierung bis 2023 als Bedingung

„Die Stimmung war kritisch, am Ende aber überwiegend positiv“, sagt Landrat Rainer Rempe (CDU) zum Verlauf des Abends. Viele der Fragen seien nachvollziehbar gewesen. Ruhe geben wollen die organisierten Kritiker aber nicht. NaturFreund Wenzel kündigt weiteren Widerstand an, auch mit juristischen Mitteln. Sicher ist: Die Zeit drängt. Der Bund sagte 5,38 Millionen Euro als 50-Prozent-Förderung zu, gebunden an eine Realisierung bis 2023. Der Landkreis Harburg ist mit zwei Millionen Euro dabei. 3,8 Millionen Euro sind noch offen.

Ein Jubiläumsjahr mit Plänen und Sorgen

Start mit Kokoschka

Zwischen Hoffnungen und Problemen startet die Kunststätte Bossard ihr 25-jähriges Stiftungsjubiläum. Die Öffnungszeiten werden erweitert, ab sofort gilt Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. Neue Formate wie „Künstler.Garten.Kunst.“ oder „Land.Lust.Lecker.“ sollen mehr Besucher locken. Als erste Ausstellungen im Jubiläumsjahr wurde jetzt „Oskar Kokoschka, Reisestationen“ mit Zeichnungen und Grafiken des expressionistischen Künstlers eröffnet.

Von Hans-Martin Koch