Dienstag , 22. September 2020
Umkehrung als Kunstgriff: Cyrano ist im Ensemble der einzige Mensch ohne auffällige Nase. (Foto: t&w)

Schönheit ist nun mal subjektiv

Lüneburg. Holzstühle aller Art türmen sich. Indirekt beleuchtet ist dieses raffiniert installierte Bein- und Lehnengeflecht nicht nur das Bühnenbild für die Besucher, sondern zunächst auch für das schauspielende Erwachsenenensemble 3 selbst. Es wird nämlich gleich die einzige geordnete Stuhlreihe des Podiums besetzen, mit dem Rücken zum Saal.

Degenkünstler und Verseschmied

Und es wird auf die zu erwartende Aufführung (die es dann selbst gestaltet) gespannt sein, über Cyrano reden, während das echte Premierenpublikum des theater im e.novum eine visuelle Überraschung verarbeitet: Die vierzehn Ensemblemitglieder haben zuvor ein uriges Ballett voller kurioser Verrenkungen getanzt und dabei ihre skurril geformten, spitzen, übergroßen oder schweinsdicken Nasen in Szene gesetzt, an denen man sich einfach nicht sattsehen kann.

Eine äußerst ungewöhnlich geformte Nase ist doch eigentlich das wesentlichste äußere Merkmal der tragikomischen Hauptfigur, dessen unglückliche Liebesgeschichte an diesem Abend im Mittelpunkt steht: Sie machte ihrem Träger Cyrano de Bergerac das Leben schwer. Cyrano hatte das Talent zum unerschrockenen Degenkünstler, Satiriker und Verseschmied, er war ein begabter Komödien-Schriftsteller, der seine überlange Papageiennase so hässlich fand, dass er ihr gegenüber humorlos war und sich der Überlieferung zufolge keiner Frau zu nähern wagte. Er wurde nur 36 Jahre alt.

Der französische Autor Edmond Rostand griff 1897 diese Biographie auf, machte die Hochherzigkeit seines empfindsamen Protagonisten, der in seine Cousine Roxane verliebt ist, zum Dreh- und Angelpunkt seines volkstümlich-romantischen Vers-Dramas. Cyrano schreibt die Briefe für seinen Nebenbuhler, der schön ist, aber dumm, was Roxane nicht merkt, da sie vor allem Christians äußerliche Schönheit liebt und aus seinem Munde Worte hört, die ohne ihr Wissen von Cyrano stammen.

Gepolter und Gedankentiefe

Regisseurin Antjé Femfert findet im theater im e.novum eine wunderbare Balance hinsichtlich jener Tragikomik und Philosophie, die der Komödie bei allem scheinbar vordergründigen Gepolter angemessene Gedankentiefe verleiht. Der einzige, den Antjé Femfert „ganz normal“ aussehen lässt, ist Cyrano, großherzig und mit der nötigen Prise Manieriertheit zelebriert von Ronny Jakob. So verweist die Regisseurin auf extravagante Art auf die Relativität des Schönheitsbegriffs und der Schönheit der Seele, konkret auf Cyranos geistigen Charme, der die Stupidität seines Kadetten-Kumpans Christian (dümmlich-hampelig gestaltet von Katrin Engler) großmütig ausbügelt. Cyrano verzichtet so auf Roxane (süß und lustig: Neele Worthmann). Er sorgt sogar für ihre Heirat mit Christian, um sie vor den Nachstellungen des Capitaine Carbon (herrlich eklig: Kirstin Rechten) zu retten.

Das Publikum kann viel lachen und ist nicht erst am Ende hoch begeistert. Vor allem auch, weil die Chansons griffig klingen (Spitzenkaraoke dazu: Frauke Riewald als beifallhungrige Montfleury), Bühnenbild und Kostüme (Branka Zelenovic, Nicole Bettinger, Rolf Kienzle) und die Maske (Branka Zelenovic, Marian Barlag, Lena Schwarznecker, Ulla Klöckner) einfach umwerfend gut gelungen sind.

Amateure spielen wie die Profis

Sämtliche Mitglieder des Erwachsenenensembles 3 spielen professionell und mit viel ansteckendem Esprit, teils mehrere Rollen. Das sind neben den bereits Genannten auch Sarah Jakob (Le Bret), John Driver (Kadett), Jovana Krispin (Kadett, Nonne), Christiane Worthmann (Comte), Katrin Driver (Vicomte, Nonne), Heino Harms (Chefkoch Regueneau), Karin Thurmann (Koch, Kadett, Marthe), Uta Schwarznecker (Koch, Kadett, Claire) und Heidi Leuckefeld (Mutter Marguerite). Weiterte Spieltage: 7., 13., 14., 21., 27. und 28. März, jeweils um 20 Uhr.

Von Antje Amoneit