Sonntag , 27. September 2020
Laith Al-Deen ist auf „C‘est la vie“-Tour. Foto: t&w

Fast noch einmal wie Weihnachten

Lüneburg. Eigentlich wollte Laith Al-Deen im vergangenen Dezember mal wieder in Lüneburg vorbeischauen; immerhin war er schon zweimal hier. Aber dann machte ihm eine Krankheit einen Strich durch die Rechnung. Die Stimme wollte geschont werden. „Das hätte so schön gepasst, so kurz vor Weihnachten“, sagte der Wahl-Mannheimer jetzt im ausverkauften Kulturforum. Was ihn nicht daran hindert, die Vorweihnachtszeit im Laufe des Abends immer wieder zu beschwören. Das nächste Weihnachten steht ja schon wieder vor der Tür, zweifellos.

Diese Band ist ein Ereignis. Laith Al-Deen schreibt gute Popsongs und einfühlsame Balladen. Die entfalten ihr wahres Potenzial aber erst auf der Bühne. Dem Musiker zur Seite stehen Bassist Frieder Gottwald, die Gitarristen Andi Metzel und Ole Rausch – der seinem Namen bei einem treibenden Solo alle Ehre macht -, David Mette am Schlagzeug und Tobi Reiss am Keyboard. Wird der von der Kette gelassen, gerät das Publikum außer sich. „Es kommt der Tag, da wird das Keyboard unter seinen Händen zerbröseln“, orakelt Al-Deen. Damit könnte er richtig liegen.

Früher war es Heavy Metal 

Das Sextett reagiert aufeinander wie ein Superorganismus: Natürlich weiß jeder genau, was zu tun ist. Aber darüber hinaus verleihen die Künstler ihrer Musik einen, sagen wir mal, sphärischen Atem. Sie verselbstständigt sich und entwickelt ein Eigenleben, dem die Band blind folgt. Da wabern orientalische Rhythmen durch den Saal, da klappert es so heftig, dass die Hosen schlackern. Schmusesänger? Keine Ahnung, wann Laith Al-Deen dieses Etikett aufgedrückt bekommen hat. Der Mann hat früher Heavy Metal gespielt. Und würde gerne mal genau so ein Album schreiben.

Jetzt aber, in Lüneburg, ist „C‘est la vie“ angesagt. So lautet der Name seiner Live-Akustik-Tour, bei der er neue Stücke vorstellt, die auf dem kommenden Album zu finden sein werden. Neue Lieder wie „Zwischen den Zeilen“ und „Ein Wort“ funktionieren einwandfrei, sie machen Lust auf Al-Deens nächste Veröffentlichung. Der Abend rast dahin; Al-Deen ist ein Entertainer, der mit dem Publikum spielt, der durch die Menge marschiert, die vielen Zwischenrufe bestens kontert. „Große Dinge werden hier in der Scheune gezimmert!“, verkündet er und bedankt sich damit bei seinem Technik-Team. Stimmt.

Und der Ort selbst? Das Kulturforum ist für diesen Abend der perfekte Ort, die heimelige und intime Atmosphäre macht es erst möglich, dass die Musik sich über sich selbst erheben kann. Man stelle sich so ein Konzert in einer Mehrzweckhalle vor. Keine wirklich gute Idee. Was bleibt? Laith Al-Deen hat hier das vorletzte Wort. „Vielen, vielen Dank. Sehr, sehr schön.“ Genau.

Von Thorsten Lustmann