Donnerstag , 1. Oktober 2020
Peter Prange in der Bibliothek Adendorf. Foto: t&w

Die Faszination des Bösen

Adendorf. Peter Prange ist einer, der erzählen kann. Wenn er aus seinem neuesten Buch „Eine Familie in Deutschland – Zeit zu hoffen, Zeit zu leben“ liest und da bei die historischen Zusammenhänge der Geschichte erläutert, zieht er sein Publikum sofort in den Bann. Kein Wunder, die Apokalypse unter Adolf Hitler interessiert ihn sehr, deshalb ist sein jüngster Roman in der Nazizeit angesiedelt.

„In meiner Jugend gab es noch zertrümmerte Straßenzüge und Kriegsversehrte in den Städten“, sagte er bei seiner Lesung in der Adendorfer Bücherei. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass eine Kulturnation der Barbarei des Dritten Reiches verfiel, treibt ihn um. In seinem neuesten Buch geht er der „Faszination des Bösen“ nach und stellt beispielhaft anhand einer Familie vor, wie viele unterschiedliche Reaktionen und Verstrickungen es damals gegeben hat. „Immer wieder stellt sich einem Beobachter die Frage, was hätte ich getan?“, sagt Prange.

Assistentin bei Leni Riefenstahl

In seinem Buch drängt sich einigen der Beteiligten diese Frage allerdings zu spät auf – so zum Beispiel Hermann Ising, Familienoberhaupt und erfolgreicher Unternehmer. In Fallersleben, ein Ort, der uns heute unter dem Namen Wolfsburg bekannt ist, betreibt Ising eine Zuckerfabrik. Die Nazis hält er für nützlich, denn sie gehen gegen die Arbeitslosigkeit vor – im Übrigen, was die Juden betrifft, da wird „nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird“.

Anders sieht es seine Tochter Charly, eine engagierte Kinderärztin, deren Ehemann aus einer jüdischen Familie stammt. Die Konfrontation mit Charlys strammen Nazibruder ist vorprogrammiert, denn der ist begeisterter Anhänger der NSDAP. Später wird einer aus der Reihe der Geschwister als Ingenieur den VW – Käfer mitentwickeln, damals heißt der noch „Kraft-durch-Freude-Wagen“. Charlys Schwester dagegen, die junge künstlerisch begabte Edda, wird Assistentin bei Leni Riefenstahl.

Sein Roman wurde verfilmt

„Die Protagonisten dieser Geschichte gelangen alle irgendwann an einem Punkt an dem sie mit den Folgen ihres Mitläufertums konfrontiert werden“, sagt Peter Prange. Das ist spätestens dann der Fall, als beim jüngsten Kind der Familie Ising das Down-Syndrom festgestellt wird. Die Diagnose Trisomie 21 ist in den 30er-Jahren unter Umständen ein Todesurteil. Auch Charlys Ehemann, der Jude Benny, gerät in Bedrängnis. In seiner Not entschließt er sich, nach Kuba zu emigrieren. Die ersten Auflösungserscheinungen des ehemals festgefügten Familienclans machen sich bemerkbar.

Peter Pranges Geschichten sind historisch gut recherchiert und wirken sehr authentisch. Kein Wunder, dass das Fernsehen nach seinen Stoffen greift. Am 18. März zeigt die ARD die Verfilmung seines Romans „Die wunderbaren Jahre“. Wer den Autor noch nicht kennt, hat dann Gelegenheit, ihm zu begegnen, denn Prange hat in dem Film selbst eine Rolle als Kleindarsteller. Einen Satz darf er sprechen im Laufe des Films, immerhin – und wer ihn kennt, der weiß: historisch korrekt ist dieser Satz auf jeden Fall.

Von Elke Schneefuß