Samstag , 19. September 2020
Jochen Malmsheimer ist ein Meister der absurden Kapriole. Foto: t&w

Brot, Butter, Cervelatwurst, fertig!

Lüneburg. Früher war nicht alles besser. Aber früher war alles früher. Und früher war vieles gut. Sagt Jochen Malmsheimer und unterfüttert diese These mit dem Wurstbrötchen. Es bestand aus Graubrot mit knackiger Kruste und war ein Hort von Charakter, Niveau und Geschmack. Vor allem, wenn es mit fingerdicker, goldgelber Butter bestrichen wurde – Brot und Butter gingen alsbald eine innige Freundschaft ein. Und als Belag kam Wurst obendrauf, und zwar „drei Scheiben Cervelatwurst, der Krieg ist vorbei“.

Malmsheimer trauerte dieser Graubrot-Ära am Freitagabend im ausverkauften Kulturforum hinterher und er wusste auch, wer das abrupte Ende dieses glücklichen Cervelatwurst-Zeitalters zu verantworten hatte. „Ein Bäckermeister, der an einem furchtbaren Tag das Sandwich erfunden hatte: Weißbrot mit einem Komposthaufen belegt“.

Vielleicht war diese kulturschockierende Erfindung die Ursache von Malmsheimers schlechter Laune, die er seit Mitte der 1970er-Jahre hat, wie er gleich zum Auftakt seines Programms „Flieg fisch, lies und gesunde!“ verriet. Jedenfalls wurde deutlich, dass der wortgewaltige Kabarettist früher einiges besser fand. Zum Beispiel das Radio ohne Hörerbeteiligung. Denn: „Die Wurst wird nicht besser, wenn sie vorher mit dem Metzger gesprochen hat.“

Absurde Kapriolen

Gut, die Cellokonzerte, die in ihrer Langweiligkeit nur von Harfenkonzerten überboten wurden, waren das Eine. Aber das Andere waren eben Sendungen über Hebekippfenster, deren historischen Ursprung ein promovierter Experte zu erläutern versuchte, während der Moderator Hörer zu Wort kommen ließ, die irrtümlich annahmen, bei der Radio-Sprechstunde eines Tierarztes gelandet zu sein.

Malmsheimer schlägt vermeintlich absurde Kapriolen, erklärt warum das Antlitz von Tut­anchamun nahezu kindlich jung wirkt, und dass ein Blech gedeckten Apfelkuchens eine ähnliche Wirkung bei einer Landfrau aus Salzgitter-Ringelheim hätte bewirken können. Alles verpackt in einem Galopp sprachwitziger Glanzlichter, dem das Publikum konzentriert folgt.

Zwischendurch streut er etwas einfachere Kost ein, wenn er beispielsweise über die Farbe beige – „der Friedhof der Farben“ – sinniert. Ein Luftbild vom Kölner Dom lege die Vermutung nahe, dass die Kathedrale von einer Wanderdüne umgeben sei. Nein, es ist eine Seniorengruppe aus Dormagen, uniform in Beige gekleidet.

Comedy und Klamauk

Wer textet wie Malmsheimer, der ein Germanistik- und Geschichtsstudium begann, um dann eine Buchhändlerlehre zu absolvieren, der liebt seine Muttersprache. Das wurde besonders in seiner abschließenden Nummer deutlich, die ihn unverhofft Zeuge eines Streits unter Büchern werden ließ. Phänomenal, mit welcher Herablassung er Thomas Mann gegen Alfred Döblin antreten ließ, wie sich der Kleine Meyer, Teil I, um Harmonie bemühte, zersetzt von Einstreuungen schlichter Ratgeber und Kochbücher.

Schön, dass es neben Comedy und Klamauk, die auch ihre Berechtigung und Zuschauer haben, noch Kabarettisten wie den 58-jährigen Bochumer gibt, die die Kulturhäuser ebenso füllen und die Zuschauer inspirieren.

Von Silke Elsermann