Dienstag , 29. September 2020
Sonja Schumacher ist eine von den drei Neuen im Bund Bildender Künstler. Foto: t&w

Eindeutig nicht eindeutig

Lüneburg. Über Ausstellungstitel darf man rätseln. Was soll denn nun „ad hoc“ bedeuten, das Motto, unter dem ein ungleiches Trio jetzt im Heine-Haus ausstellt? Zur Sache passend? Aus dem Stegreif? Für den Moment? Irgendwie passt es oder wird eben irgendwie passend gemacht, und irgendeine Überschrift muss es ja geben. Es passt aber nicht wirklich zusammen, was drei ganz Neue im Lüneburger Bund Bildender Künstler zeigen, und das macht die Sache dreifach reizvoll. Es ist sehr ernst zum Ersten, sehr ästhetisch zum Zweiten und einigermaßen verspielt zum Dritten.

Von Malerei und Fotografie bis hin zu Collagen

Zum Ersten: Das ist Sonja Schumacher, geboren 1963. Von Malerei zwischen Haut und Seele spricht sie. Im Zentrum ihrer Bilder stehen Köpfe, reduziert auf Umrisslinien, Haltungen, hohe Stirn und Augen, die frontal auf den Betrachter blicken. Um die Köpfe herum herrscht Unruhe, ein abstrakter Kampf von Farben und Bewegung. Es sind keine Bilder für den Frühstückstisch. Eher steckt ein „Fürchtet Euch!“ in ihnen. Themen wie Leid, Skepsis, Entsetzen, Vergänglichkeit kommen zum Ausdruck. Es geht auch um Durchlässigkeit von außen nach innen – oder umgekehrt. Bilder auf Röntgenfolie passen ideal dazu. Ein Gedanke hinter den Bildern: Lebt bewusst! Schumachers Kunst geht über das Malerische hinaus. Zu sehen sind zudem Kopf-Skulpturen, sie wirken wie Studien.

Zweitens Friedemann Baader, Jahrgang 1956, Fotograf. Zentral sind bei dieser Ausstellung Bilder aus der Reihe „Nachtwind“. Sie zeigen in großem Format das Meer nachts, aufgenommen in Langzeitbelichtung, was alles, das Kontur sein könnte, auflöst. Diese ans Malerische grenzenden Bilder der Unschärfe entwickeln einen hohen ästhetischen Reiz. Wie bei einem Diptychon zeigt neben den Seestücken eine zweite Bildtafel monochromatisch Farbe wie eine Essenz des Meeres. Eine andere Serie setzt sich mit den Millionen Jahre in sich bergenden Formationen, Schrunden und Linien in Gestein auseinander; es lässt sich lernen, was Turbidite sind. Zwei Bildbänder Baaders liegen zur Ansicht aus.

In Bildern das Menschliche aufzeigen

Die dritte im Bund, Anne Vogt aus Seevetal, steht in ihrer Kunst der Collage nah, beginnend bei der Materialwahl. Figur und Abstraktion, Flächenteilung und verhaltene Farbwerte, Malerei und Zeichnung, Intuition und Kontrolle, Verfremdung und Wiederkehr von Motiven – lauter Zweiheiten, die zur Annäherung an die uneindeutigen Bilder taugen. Die Künstlerin sagt zu ihrem Schaffen: „In meinen Bildern will ich das Menschliche aufzeigen, weniger als konkretes Thema oder persönliche Geschichte, sondern vielmehr den Menschen in seiner Vielschichtigkeit, in seinen Brüchen und seinem Bestehen in dieser Welt darstellen.“

Diese sehr unterschiedlichen Ansätze lassen sich ad hoc noch bis zum 29. Februar betrachten, jeweils mittwochs, sonnabends, sonntags, jeweils von 14 bis 18 Uhr. Die Künstler kommen auch.

Von Hans-Martin Koch