Freitag , 30. Oktober 2020
Berit Rudolph (rechts) stellt die Übersetzerin Dagmar Mißfeldt vor. Foto: t&w

Werktreue ist oberstes Gebot

Lüneburg. Wer ein Gefühl für Sprachen hat und gut darin ist, Vokabeln zu pauken, der macht sich bestimmt gut als Übersetzer/in, oder? Nein, ganz so einfach ist es nicht, erklärt Dagmar Mißfeldt: „Man muss ein Verständnis für fremde Kulturen entwickeln.“

Die Abweichungen und Gemeinsamkeiten im Gebrauch der unterschiedlichen Sprachen sollten dem Übersetzer präsent sein, denn schließlich gilt es, das oberste Gebot jeder Literatur-übersetzung einzuhalten. „Ein Kunstwerk sollte originalgetreu übersetzt werden. Dazu bin ich vertraglich verpflichtet und das halte ich ein.“ Hinweise auf sachliche Fehler dürfen dem Autor gegeben werden, doch an seiner Wortwahl ist nicht zu rütteln – ob ein Ausdruck gefällt, spielt dabei keine Rolle, auch nicht in dem Buch, das Dagmar Mißfeldt an diesem Abend auf Einladung der Literarischen Gesellschaft mitgebracht hat ins Heine-Haus. „Beinahe Herbst“ von Marianne Kaurin ist in Norwegen bereits als erfolgreicher Debütroman ausgezeichnet worden. Auch das heimische Feuilleton ist überwiegend angetan von der Geschichte, die eigentlich als Jugendbuch konzipiert ist, aber auch gut von Erwachsenen gelesen werden kann.

Intensive Beziehung zu den nordischen Staaten

Es geht darin um Ilse Stern, eine Jüdin, gerade 15 Jahre jung, die 1942 im besetzten Oslo in die Fänge der Nazis gerät. Dass auch in Norwegen eine Judenverfolgung stattgefunden hat, weiß man hierzulande nur ansatzweise. Tatsächlich wurden mehr als ein Drittel der in Norwegen lebenden Juden während der NS-Herrschaft deportiert, die weitaus meisten wurden in deutschen Konzentrationslagern getötet. Auch Ilse erleidet dieses Schicksal und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie blutjung und frisch verliebt ist und gerade beginnt, das Leben zu entdecken.„In Norwegen werden die historischen Tatsachen hinter diesem Buch immer noch verarbeitet. Man spricht darüber“, sagt Dagmar Mißfeldt, die eine intensive Beziehung zu den nordischen Staaten pflegt. Sie übersetzt aus dem Schwedischen, Dänischen, Finnischen und Norwegischen und zwar beinahe alles, was von dort kommt: Ob Krimi oder Fantasy, Weihnachtsgeschichten oder Sachbücher, alles ist schon dabei gewesen.

2019 hat sie den Hamburger Literaturpreis für Übersetzungen erhalten, doch ihr Start in den Beruf war mühsam. „Meine Bewerbungen bei Verlagen, die Besuche bei Buchmessen und Lesungen waren anfangs nicht immer besonders erfolgreich“, sagt sie heute. Eingestiegen ist sie schließlich in Lüneburg an der Universität, die damals noch nicht Leuphana hieß: Sie unterrichtete Schwedisch, ist noch immer als Lektorin und Koordinatorin dort tätig.

Man spürt: Bereut hat Dagmar Mißfeldt ihre Berufswahl nicht. Inzwischen, mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung im Beruf und Auftragsarbeiten für Fernsehen und Kino, darf sie sicherlich als Expertin für nordische Literatur und Sprache gelten.

Von Elke Schneefuß