Samstag , 26. September 2020
Idyllische WG-Insel im Haifischbecken der Außenwelt (v.l.): Moana (Katharina Otte), Boris (Quintus Hummel) und Christiane (Birgit Becker). Foto: Theater

Jammern auf hohem Niveau

Lüneburg. Die Derniere von „Bald sind wir alt“ – ausverkauft, wie alle Vorstellungen dieses Stationentheaters in der Kurlturbäckerei – noch im Kopf, schon steht das nächste Stück im Raum, mit dem das Theater zur weiten Welt am 27. Februar an den Start geht: „Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken“ heißt es. Diesmal ist es ein Bühnenstück von der hochgelobten Jung-Dramatikerin Laura Naumann, erstmals 2014 in Bochum aufgeführt.

Darin geht es um Sinnsuche, um Fragen wie „Wie will ich leben?“‚ oder „Was will ich ändern?“ – im Haifischbecken. Als Projektionsfläche für diese Denkansätze dient eine 3er-WG: Da ist Christiane, die von ihrem Mann verlassene Nachrichtensprecherin, ihre karrieregeile Tochter Moana und deren Lover Boris, der als Flugbegleiter viel unterwegs und genervt ist. Kurz gesagt, eher eine Zweck-WG als eine intellektuelle Kommune – mit Jammern auf hohem Niveau.

Plötzlich rastet die Hauptsatz-Vorleserin aus

„Alle drei sind in ihrem Alltag, in ihrem Rhythmus und ihren Mechanismen gefangen, aus denen sie sich nicht befreien können“, erläutert Stefan Behrendt, der die neue Produktion in Szene setzt. Der gebürtige Düsseldorfer kennt Lüneburg bereits, hat in den Spielzeiten 2011/12 und 2017/18 am Lüneburger Theater als Regisseur gearbeitet. Das Naumann-Stück mit dem sperrigen Titel gefällt ihm, weil es sehr temporeich, „witzig und wahnsinnig klug ist“. Die Dramatikerin verstehe es bestens, Dinge in knappen Szenen auf den Punkt zu bringen, sei es durch nahe gehende Monologe und Dialoge. Zudem benutze sie eine sehr alltagsnahe Sprache. „Überhaupt nicht abgehoben“, wie Birgit Becker, die sich auf die Rolle der Christiane vorbereitet, ergänzt.

Moana, gespielt von Katharina Otte von der Hamburger Schauspielschule Frese – ebenso wie Quintus Hummel als Boris –, ist von allen am radikalsten, denn sie hat nur ihre Karriere als Unternehmensberaterin im Visier. Themen wie Klimawandel und weniger Plastik sind ihr egal, auch wenn die Erde kaputt geht. Sie fühlt sich also eher wohl im Haifischbecken, wo nur derjenige überlebt, der stark ist. Mutter Christiane, von ihrer Tochter als simple Hauptsatz-Vorleserin beschimpft, glaubt dennoch, die Welt verbessern zu können.

Appell zu mehr Aktionismus

Das Theater zur weiten Welt, ein professionelles freies Theater, hat ein Kernteam, das immer wieder mit jungen Talenten ergänzt wird. Die Leitung liegt bei Birgit Becker und ihrem Mann, dem gebürtigen Grazer Raimund Becker-Wurzwallner. „Das Schöne an dem Stück ist, dass sich jeder etwas rauspicken kann, was für ihn wichtig ist, wo er sich wiedererkennt und vielleicht denkt, ,in dem Dilemma stecke ich auch gerade‘“, betont Birgit Becker.

Pfeffer bekommt die Geschichte, als Christiane plötzlich vor laufender Kamera statt ihres Nachrichtentextes einen Appell zu mehr Aktionismus statt passivem Nachrichtenkonsum startet und damit natürlich ihren Job los ist. Zumal die Boulevardpresse darin eher den Kollaps einer frustrierten, betrogenen Promi-Ehefrau sieht.

Zurück auf Anfang oder auf zu neuen Ufern

Beinah zeitgleich hat Moana einen Unfall, sie wird fast von einem Auto überfahren, hätte ein Passant sie nicht rechtzeitig zurückgerissen. So kommt sie mit zwei gebrochenen Armen davon. Ihr Schutzengel namens Nikita (Raimund Becker-Wurzwallner) überbringt Christiane die Nachricht – und bleibt als Trostspender. Boris, gerade als „Tellertaxi“ über den Wolken unterwegs, ist ebenfalls froh, dass sich jemand um die Frauen kümmert. Nikita erweist sich für jeden in der WG als eine Art Rettungsanker, wobei unklar bleibt, ob es sich um eine Frau, einen Mann handelt. Christiane hätte die Chance, ihr Leben neu zu starten, „aber sie kommt einfach nicht aus dem Quark“, verrät Behrendt. Als sich die drei zu sehr auf Nikita fokussieren, ergreift diese(r) die Flucht. Wie geht’s weiter? „Die Figuren machen sich auf den Weg, vielleicht zum Notausgang, sie sind auf einem ,Happy Weg‘“, resümiert Becker-Wurzwallner. Die Reise ist für die Figuren noch lange nicht zu Ende. Die Fahrt zur Premiere allerdings schon, der Bahnhof Kulturbäckerei ist fast in Sichtweite.

Von Dietlinde Terjung