Samstag , 19. September 2020
Will Hitzacker vorerst die Treue halten: Star-Oboist Albrecht Mayer. Foto: csagawe

Der Genuss der Freiheit

Hitzacker. Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker feiern in diesem Jahr ihre 75. Ausgabe. Das Pendant im frühen Jahr, die Musikwoche Hitzacker, geht auch schon in Runde 34. Ludwig Güttler prägte seit dem Beginn 1987 die Musikwoche mit seinem Stil und seinen Musikern. 2016 kam Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Er holte die Musikwoche aus schleichender Erstarrung, weitete das Programm, öffnete es für Neues. Jetzt, vom 6. bis 15. März, folgt Mayers fünftes Programm.

Albrecht Mayer macht mit Frau und Kind, mit Sturm, Strand und Sansibar Urlaub auf Sylt. Der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker ist viel unterwegs. Ein Konzert im Mozarteum Salzburg steht noch an, am 20. Februar. Dann wartet die Musikwoche Hitzacker auf ihren künstlerischen Leiter, der auch als Dirigent und Solist zu erleben ist. Zeit ist in freier Zeit, ans Telefon zu gehen und von Hitzacker, von Musik und Künstlern zu schwärmen.

Was hat Sie eigentlich überzeugt, 2016 das Festival als künstlerischer Leiter zu übernehmen? Oder wer?
Mayer: Das war Dörte Schmieta, die wunderbare Dörte Schmieta, die Vorsitzende des Fördervereins der Musikwoche. Ich habe bis dahin ja auf vielen Festivals gespielt, aber keines geleitet. Dörte Schmieta hat mich dann für Hitzacker gewonnen, als Ludwig Güttler die Leitung der Musikwoche nach fast 30 Jahren abgab. Jetzt genieße ich mit meinem Team hier große Freiheit bei der Gestaltung des Programms.

Die Musikwoche selbst sagte Ihnen zuvor nichts?
Doch, das schon. Ich hatte immer davon gelesen. Bis ich einmal als Gastsolist zu meinem Vorgänger Ludwig Güttler kam, kannte ich Hitzacker als Ort selbst aber nicht. Doch kommt man einmal hierher, findet man es immer wieder aufs Neue wunderschön.

Es steht jetzt Ihre fünfte Hitzacker-Musikwoche vor der Tür. Wenn Sie bis hierhin ein Kurzfazit ziehen, wie fällt das aus?
Wissen Sie, meistens sind wir Musiker immer sehr kritisch mit der Situation, in der wir arbeiten. Als ich aber im vergangenen Jahr nach Hause fuhr, hatte ich so ein Glücksgefühl: Besser kann es ja eigentlich nicht werden, so rund ist es gewesen. Ich bin also sehr guter Dinge. Aber natürlich haben mein Dramaturg Markus Bröhl und ich noch sehr viele Ideen.

Zum Beispiel?
Ein Konzert mit einem größeren Chor würde ich gern machen, auch mit einem größeren Orchester, unser Repertoire behutsam erweitern, die Möglichkeiten der Spielstätten weiter ausloten, jüngeres Publikum erreichen.

Sie greifen in Ihrem Hitzacker-Festival leitmotivisch musikalische Formen auf. Nach zum Beispiel Pastorale, Fantasie und Nocturne nun die Rhapsodie. Was ist an ihr so schön?
Musik ist oft an streng vorgegebene Formen gebunden. Die Rhapsodie folgt dagegen keiner festen Form. Schauen Sie nur auf Beethoven, er war bekannt für sein Improvisieren, und in den späten Klaviersonaten können Sie keine tradierten Formen erkennen. Sie können bei der Musikwoche Rhapsodien von Brahms bis Gershwin erleben.

Eignet sich eigentlich auch die Oboe, die Sie spielen, ideal für das Rhapsodische?
Sagen wir mal so: Die Oboe ist für alles geeignet, wenn man sie zu spielen weiß. Ich werde bei der Musikwoche auch als Musiker einen Beitrag zum Thema Rhapsodie leisten. Aber ich würde mit der Oboe zum Beispiel beim Jazz-Improvisieren nicht mit der Klarinette oder dem Saxophon konkurrieren.

2020 geht nichts am 250-jährigen Beethoven vorbei. Wie huldigen Sie ihm in Hitzacker?
Wir haben einige seiner wichtigsten Werke im Programm, zum Beispiel die „Apassionata“, die siebte Sinfonie, auch das vierte Klavierkonzert, mein absolutes Beethoven-Lieblingswerk.

Solist dabei ist Fabian Müller, der bei der Musikwoche vier Konzerte spielt und als eine Art „artist in residence“ kommt. Was zeichnet ihn im Meer der guten Pianisten aus?
Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal mit ihm spielte, war Fabian für mich eine Entdeckung. Ich war total hingerissen. Er kam so ohne Allüren, so undivenhaft daher, wie ein Schulbub, ich war abwartend. Aber dann versenkt er sich so in seine Musik, dass mir die Worte fehlen.

Müller spielte in der Carnegie Hall, in der Elbphi – wie bekommt man Musiker dieser Liga ins Verdo, in die Provinz?
Man muss schon ein bisschen Überredungskunst anwenden. Künstler spielen bei uns für einen Bruchteil ihrer üblichen Gagen. Man muss sie also gewinnen, zum Beispiel mit reizvollen Programmen. Wir haben in Hitzacker oft junge Künstler, die dabei sind, große Karriere zu machen. Igor Levit zum Beispiel, als ihn kaum jemand kannte. Natürlich könnten wir mit einem größeren Etat mehr realisieren. Das wäre toll.

Wesentlichen Anteil am Programm hat Markus Bröhl als künstlerischer Planer. Wie teilt sich Ihre Arbeit auf?
Ich bringe natürlich meine Ideen ein. Er ist eine wesentliche Stütze, wir ergänzen uns ideal. Markus ist ein Dramaturg, der das Repertoire bis ins kleinste Detail kennt, BWV und KV auswendig (Bach-Werke-Verzeichnis, Köchel-Verzeichnis der Mozart-Werke). Ich kenne und schätze ihn schon lange. Zusammen versuchen wir Programme zusammenzustellen, die Sinn machen.

Und bleibt das Team Mayer/Bröhl Hitzacker noch länger erhalten?
Ich kann ja nur für mich sprechen und da kann ich sagen, dass ich gern noch einige Jahre in Hitzacker bin.

Von Hans-Martin Koch

Start mit Singer Pur

Karten gibt es nur online

Mit dem Klarinettisten David Orlowsky und dem A-cappella-Vokalensemble Singer Pur beginnt die 34. Musikwoche Hitzacker am Freitag, 6. März, um 20 Uhr im Verdo. Das eigentliche Auftaktkonzert leitet Albrecht Mayer am Sonnabend, 7. März. Um 17 Uhr sind das vierte Klavierkonzert von Beethoven und die vierte Sinfonie von Brahms zu hören. Es spielt das Staatsorchester Braunschweig, Solist ist Fabian Müller. Bis zum 15. März folgen eine Fülle von Konzerten, mitunter eingebunden in Gespräch und Rezitation, eine Instrumentenwerkstatt, ein Kinderkonzert, eine Exkursion und mehr. Das gesamte Programm findet sich unter www.musikwoche-hitzacker.de. Die Musikwoche bietet keine Möglichkeit an, Karten direkt in Lüneburg zu kaufen. Der Vorverkauf läuft ausschließlich über die Homepage.