Dienstag , 29. September 2020
In dem Frankfurter Mietshaus geht es turbulent zu. Die im Laufe der Zeit wechselnden Bewohner spiegeln ein Stückchen bundesdeutsche Zeitgeschichte wider. Foto: Theater

Vorwärts und schnell vergessen

Lüneburg. Erstes Buch Mose, Kapitel 3, Vers 19: „Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Wie der Mensch, so das Haus. Gebaut ist es vor gut 60 Jahre n aus den zermahlenen und neu geziegelten Trümmern des Weltenbrands. In Jan Neumanns Stück „Aus Staub“ steht das Haus in Frankfurt, Schubertstraße. Jetzt steht es auf der Bühne des Theaters Lüneburg, zusammengezimmert aus Pressspan, auch eine Art Resteverwertung. Ort ist das Haus für ein Panorama, das im Eilverfahren durch bundesdeutsche Geschichte lichtkegelt – sehr unterhaltsam, pointiert und bei allem Verkürzen keinen Moment doof.

Lüneburg ist erst die zweite Station des Schauspiels. In schnellem, nicht immer chronologischem Fluss ziehen Geschichten über Hoffnungen, Enttäuschungen, Welterklärungsversuchen, über das Erinnern, Verdrängen und Verlöschen vorüber. Die Bewohner, zweites Obergeschoss links, wechseln. Alle repräsentieren von Wirtschaftswunder über die 68er bis zum Turbokapitalismus eine prägende Zeit von den Fünfzigern bis ins Jahr 2018. Dann wird das Haus zu Staub zerbröselt, damit aus Stahl und Glas eine Bank wachsen kann. Frankfurt eben.

Den Soundtrack liefert Mario Ramos

Jasper Brandis ist der Regisseur. Er hat in Lüneburg „Clyde & Bonnie“, „Jenseits von Eden“ und „Wie im Himmel“ inszeniert. Nun formt er aus sechs Jahrzehnten Geschichte einen Reigen, fast eine Revue. Manchmal wirkt es wie choreographiert. Den Soundtrack zum Tanz durch die Zeit liefert Mario Ramos als langhaariger Rocker in Leder und zugleich als dessen Karikatur. Wunderbar, wie Ramos mit E-Gitarre und Effektgeräten Sounds unter die Szenen mischt und das Geschehen begleitet und kommentiert, mit Coversongs von Prince über White Stripes und Bill Withers bis Karat.

„Aus Staub“ wechselt zwischen szenischem Spiel, Erklärung, Deklamation. Regisseur Brandis setzt mit einem top eingegroovten Team auf hohes Tempo. Das ist ganz wichtig, denn in Ruhe besehen, entpuppen sich Schlaglichter immer als plakative Verkürzung. Und es ist ja sehr viel, was hier mit einer Masse Witz und dahinter blitzender Tiefe aufgerollt wird. Es reihen sich Geschichten von Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts um Brot und Selbstbehauptung ringen.

„Keine Macht für niemand“

Da ist in den Fünfzigern die alleinerziehende Mutter (Beate Weidenhammer), die ­Vergangenheit verdrängt, bis sie aus ihr platzt. Ins arbeitersuchende Land plumpst der italienische Gastarbeiter Maurizio ­(Christoph Vetter), der Deutsch lernt, indem er seriell geschriebene Courths-Mahler-Liebesromane verschlingt. In den 60ern ballert die Polithymne „Keine Macht für niemand“ aus den Fenstern. Bald rattert eine Feministin (Stefanie Schwab) ihre im Kern erschreckenden Befunde runter.

Die andere Seite der bundesdeutschen Medaille verkörpert ein dauerjettender „Alles ist super“-Unternehmensberater (Jan-Philip Walter Heinzel). Er legt 28(!) Liegestütze aufs Parkett, aber er kann nicht mehr schlafen und klappt bei einer Psychologin (Britta Focht) zusammen. Immer wieder, wie ein roter Faden, tritt dazu Wolfgang (Gregor Müller) in Erscheinung. Als Aufwachsender zornt er gegen die Geschichtsverdrängung seiner Mutter an. Als diese sich nach Jahren öffnet, hört er nicht mehr zu.

Westdeutsche Überheblichkeit

Jasper Brandis und dem dauernd Rollen wechselnden Team gelingt es, dem Stück auch in seinen Zeitsprüngen Geschlossenheit zu geben. Der Einstieg aber ist riskant. Nach einem ­poetischen Vorspiel mit dem Platzen staubgefüllter Ballons hasten im Hintergrund Menschen mit Koffern in das von Andreas Freichels gebaute Haus und drumherum. Unbehauste, Heimatlose. Hektik und lautes Fußgetrappel nehmen aber den Fokus vom wortreichen, sehr, sehr schnell gesprochenen, ins Stück ziehenden Monolog im Vordergrund.

Aufstoßen mag im ersten Moment auch, dass Maurizios Gastarbeiter-Deutsch auf Witzigkeit hin pointiert ist. Dass Stereotype von DDR-Vorurteilen ­zelebriert werden, wenn nach dem Fall der Mauer Vater seine Familie mit nach Cottbus ziehen will, der Karriere wegen. Aber es ist ja westdeutsche Überheblichkeit, die in diesen Szenen vorgeführt wird. Das kommentiert sich selbst. Am Ende, wenn Moses Recht hat, zerfällt die Erinnerung zu Staub, Sätze zerfallen in Worte.

105 pausenlose Minuten verfliegen, das Publikum applaudiert dem Team im Stehen. „Aus Staub“ kehrt am 21. und 28. Februar zurück. Im Anschluss laden Dramaturgin Hilke Bultmann, die dieses Stück nach Lüneburg holte, und Schauspieler zum „Come together“-Gespräch.

Von Hans-Martin Koch